Anzeige

Einblicke aus erster Hand in das Leben des Robotik-Pioniers

„Seine Tür stand immer offen“

Gay Engelberger ist nicht nur die Tochter von Joseph F. Engelberger, sie arbeitete als Marketingdirektorin der Firma HelpMate Robotics lange Jahre an der Seite ihres Vaters. ROBOTIK UND PRODUKTION hatte die Gelegenheit zu einem Interview mit ihr und erhielt dabei interessante Einblicke sowohl in ihr Leben, als auch in das Leben und Werk des Robotik-Pioniers.

Ab Mitte der 1980-er Jahre entwickelte Joe Engelberger mit der Firma HelpMate Robotics Roboter für den Einsatz in Krankenhäusern. (Bild: Robotic Industries Association)

Ab Mitte der 1980-er Jahre entwickelte Joe Engelberger mit der Firma HelpMate Robotics Roboter für den Einsatz in Krankenhäusern. (Bild: Robotic Industries Association)

ROBOTIK: Frau Engelberger, bekanntermaßen war Ihr Vater ein großer Science Fiction Fan, eine Tatsache, die ihn dazu inspirierte, das Konzept einer ausgeklügelten Flugzeug-Steuerung, die er für die Firma Consolidated Controls entwickelt und gebaut hatte, in ein Robotik-Konzept zu übertragen. Haben Sie die Leidenschaft für die Robotik von ihm geerbt?

Gay Engelberger: Seit meinem ersten Job im Alter von 16 Jahren habe ich für meinen Vater gearbeitet. Ich habe Roboter und die mit ihnen verbundene Aufregung immer geliebt. Aber meine volle Leidenschaft für sie entbrannte erst als mein Vater damit begann, Roboter für den Service-Sektor zu entwickeln. Auf einmal entwarfen wir Roboter, mit denen ich wirklich etwas anfangen konnte! Statt für den Druckguss entwickelten wir Roboter, die den Materialtransport in Krankenhäusern übernahmen, anstelle von Spritzlackieren erforschten wir Möglichkeiten, wie Roboter die Böden öffentlicher oder kommerziell genutzter Gebäude reinigen konnten. Vater rief dann gerne aus: „Hier steckt also die ganze Begeisterung!“ Ich hatte lange Zeit nichts mehr mit dieser Industrie zu tun, aber jetzt kann ich es gar nicht abwarten, wieder für die Service-Robotik-Industrie zu arbeiten.

ROBOTIK: Wenn man die Geschichte Ihres Vaters und speziell die Zusammenarbeit zwischen ihm und seinem Geschäftspartner George Devol studiert, kann man zu der Erkenntnis gelangen, dass er der unternehmerische und marketingtechnische Experte war, der Menschen für seine Projekte begeistern konnte und so für den finanziellen Rückhalt sorgte, während Devol der geniale Ingenieur und Erfinder war. Beschreibt dies die Arbeitsteilung der beiden einigermaßen zutreffend?

Engelberger: In der Tat war Mr. Devol der brillante Erfinder und mein Vater der begeisterte Isaac Asimov-Leser, als die beiden sich auf dieser berühmt-berüchtigten Cocktail-Party trafen. Dad sprang sofort auf Devols Erfindung an und dachte, dass diese ihn an Asimovs Roboter erinnerte. Am nächsten Tag in der kalten Morgendämmerung dachte er dies immer noch – der Rest ist Geschichte. Also kaufte mein Vater die Lizensrechte an Devols Erfindung und gründete daraufhin Unimation Inc., eine Firma, die auf dieser Erfindung basierte. Devol hingegen widmete sich wieder der Entwicklung fantastischer Innovationen. Die beiden Herren blieben beste Freunde, bis zu Devols Tod im Jahr 2011.

ROBOTIK: Was war die erste Reaktion, als Ihr Vater und Devol den Unimate #001 bei General Motors vorstellten? Gab es eine große Skepsis seitens der Entscheidungsträger des Unternehmens?

Engelberger: Absolut! Es gab jede Menge Skepsis seitens der Entscheidungsträger bei GM und ganz allgemein bei den meisten industriellen Produktionsbetrieben, aber diese Skepsis beschränkte sich ausschließlich auf die Management-Ebene. Ganz anders bei den Arbeitern, also denjenigen, die Schulter an Schulter mit den Robotern arbeiten mussten. Diese Leute waren sofort davon begeistert. Entgegen der allgemeinen Auffassung war es also nicht das Management, das die neue Robotik-Technologie begeistert aufnahm, sondern es waren die Arbeiter selber! Anstatt Angst zu haben, durch den Einsatz der Roboter ihre Arbeitsplätze zu verlieren, hatten sie Angst davor, ohne diese Technologie keine Zukunft im Unternehmen zu haben. Sie sahen, was die internationale Konkurrenz bereits machte und befürchteten ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

ROBOTIK: Das Image, das Roboter in der amerikanischen Öffentlichkeit hatten, als die Firma Unimation gegründet wurde, war nicht gerade positiv. War dies frustrierend für Joe und wo sehen Sie einen Wendepunkt in der öffentlichen Haltung?

Engelberger: Mein Vater machte sich nie Gedanken über die Darstellung der Roboter in den populären Filmen dieser Zeit und wie diese die Akzeptanz seiner eigenen Roboter beeinflussen könnte. Er sagte immer: „Schau dir den Unimate an! Er hat absolut nichts gemein mit den böswilligen Robotern aus den Filmen.“ Als er den HelpMate, also den schienenlosen Roboter-Kurier entwickelte, hatte sich die öffentliche Wahrnehmung von Robotern bereits gewandelt. Sie waren nicht mehr die riesigen, furchteinflößenden Metallmonster, die die Welt erobern wollten. Es waren jetzt kleine, süße Roboter wie ‚Rosie‘, das Hausmädchen aus The Jetsons (eine amerikanische TV-Zeichentrickserie der 70-er Jahre), die den Menschen helfen und nichts Böses anhaben wollten.

ROBOTIK: Ein Hauptargument gegen den Einsatz von Robotern, das sich bis heute gehalten hat, ist der Einwand, dass sie den Fabrikarbeitern die vergleichsweise einfachen Tätigkeiten abnehmen und diese so überflüssig machen. Ihr Vater hat dies nie so gesehen, richtig?

Engelberger: Er hat es nicht nur nicht so gesehen, es hat sich auch nie bewahrheitet. Ganz anders als das Management in den oberen Firmenetagen, das sich hinter vorgehaltener Hand angsterfüllt das Wort ‚Roboter‘ zuflüsterte, waren es die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in den Fabrikhallen, die die Roboter eifrig implementierten, ihnen Namen gaben, sie hegten und pflegten und auf diese Weise einsatzfähig machten. Mit dem Einsatz der Roboter wurde ein Arbeiter plötzlich in die Stelle eines Roboter-Chefs befördert! Und die Werktätigen haben die Zeichen der Zeit richtig erkannt. Japanische Unternehmen setzten Roboter bereits in einer alarmierend hohen Stückzahl ein und produzierten so bessere Autos zu wesentlich geringeren Kosten. Damit war klar: Wenn sie jetzt also diesen Zug verpassten, würde es rasch keine amerikanische Automobilindustrie mehr geben, um die man sich Sorgen machen müsste. Dies bedeutet nicht, dass nicht tatsächlich einige vormals von Menschen ausgeführten Tätigkeiten den Robotern zufielen, denn dies war gewiss so. Aber in den weitaus meisten Fällen stiegen die so ersetzten Arbeiter in eine höhere, technisch anspruchsvollere und besser bezahlte Position auf. Dies war in der Tat ein Paradigmenwechsel.

ROBOTIK: Sie haben eng mit Joe zusammengearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?

Engelberger: Als Marketingdirektorin von HelpMate Robotics Inc., hatte ich das Vergnügen, Seite an Seite mit meinem Vater zu arbeiten. Wir waren alle glücklich darüber. Seine Tür stand immer weit offen für jeden, der eine gute Idee hatte. Wir waren ein wirkliches Team, von der höchsten bis auf die unterste Ebene. Es hat mir große Freude bereitet mit ihm zu arbeiten und seine Ideen zum Leben zu erwecken. Als Tochter von Joe Engelberger lebte und atmete ich Robotik, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die reine Freude.

ROBOTIK: Mitte der 1980er-Jahre verlegte Mr. Engelberger seinen Fokus von Robotern, die hauptsächlich in der industriellen Automatisierung eingesetzt wurden, zu sogenannten Service-Robotern, die ihren Einsatz vorwiegend in Krankenhäusern fanden. Worin lag diese Intressensverlagerung begründet?

Engelberger: Ganz einfach gesagt: Vater wurde es langweilig. Er war der Ansicht, dass die industrielle Robotik jetzt alleine lebensfähig und auf einem guten Weg war, dass aber der bisher wenig beachtete Service-Sektor weit offen für neue und aufregende Roboter-Anwendungen war. Er sagte „Da steckt jede Menge Spaß drin!“ Obwohl wir bei der Transitions Research Corporation bereits eine mobile Forschungsbasis entwickelt hatten, so waren wir doch alle ein wenig überrascht, als Vater sich dazu entschloss, einen komplett autonomen, schienenlosen Roboter-Kurier für den Einsatz in Krankenhäusern zu entwickeln. Damals gab es in den USA einen dramatischen Notstand an Pflegepersonal, und jedes Hilfsmittel war willkommen, das dafür sorgte, dass Krankenschwestern sich mehr um ihre Patienten kümmern konnten, statt im Krankenhaus unterwegs zu sein, um beispielsweise Essen oder Medikamente zu beschaffen. Dennoch gibt es kaum ein weniger aufgeräumtes, chaotischeres und unberechenbareres Umfeld als ein Krankenhaus. Würde sich ein Roboter tatsächlich in einer solch unstrukturierten Umgebung autonom bewegen und seine Dienste verrichten können? Einen solchen Roboter zu entwickeln war eines der aufregendsten Projekte bei HelpMate Robotics!

ROBOTIK: In einem Interview mit Ihrem Vater, das ich mir kürzlich auf YouTube angeschaut habe, fragt der Interviewer, ob es jemals einen Roboter geben wird, der ein Glas Milch einschenken oder Rühreier zubereiten könne. Kürzlich hat eine Firma namens Moley Robotics einen Roboter vorgestellt, der hochklassige Gerichte von Starköchen kochen kann. Sehen Sie irgendwelche Beschränkungen, was die Fähigkeiten von Robotern anbelangt?

Engelberger: Milch einschänken? Rührei zubereiten? Das ist doch Kinderkram für die heutige Robotik! Dennoch gab es für Vater tatsächlich Tätigkeiten, von denen er der Ansicht war, dass sie nicht von Robotern verrichtet werden sollten. Ein Bett beziehen, zum Beispiel. Er sagte immer: „Ich habe keine Ahnung, wie man ein Bett bezieht.“ Es ist alles eine Frage der Abwägung zwischen Kosten und Nutzen. Sicherlich gibt es Forschungsprojekte, die sich damit beschäftigen, Robotern beizubringen Betten zu beziehen. Aber einer harten Automatisierungskomponente wie einem Roboter zu lehren, ein schwer greifbares Material wie Bettwäsche zu handhaben, ist wahrlich nicht einfach. Vater war der Auffassung, dass diese Art von Projekten keinen Sinn ergeben. Ganz allgemein wollte er nicht, dass Roboter sich als Ersatz für menschliches Pflegepersonal direkt um Hilfsbedürftige kümmern sollten. Er wollte vielmehr, dass sie dem Pflegepersonal lästige Tätigkeiten abnahmen, damit dieses sich vestärkt den Kranken und Alten widmen konnte. Den Rest sollte der Roboter erledigen.

ROBOTIK: So begeistert Ihr Vater davon war, Roboter im industriellen Umfeld oder für Hilfsbedürftige einzusetzen, so strikt war er dagegen, sie für militärische Zwecke zu nutzen. Befürchtete er, dass eine Entmenschlichung militärischer Aktionen in die Katastrophe führen würde?

Engelberger: Ja, genau das. Ich denke, seine Haltung diesbezüglich geht zurück auf Asimovs ‚Drei Gesetze der Robotik‘, die Vater geradezu religiös verehrte:

1. Ein Roboter sollte einen Menschen niemals verletzen oder aufgrund von Inaktivität zulassen, dass er verletzt wird.

2. Ein Roboter sollte menschlichen Befehlen gehorchen, außer diese Befehle verstoßen gegen das Gesetz Nr. 1.

3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht gegen Gesetz Nr. 1 oder 2 verstößt.

Dies vorausgesetzt, gefiel ihm durchaus, wie ferngesteuerte Roboter mit der Polizei oder anderen Diensten zusammenarbeiteten, um beispielsweise Bomben aufzuspüren und zu entschärfen, oder wie sie in anderen unberechenbaren und gefährlichen Umgebungen intelligent ihre Arbeit verrichteten.

ROBOTIK: Haben Sie heute noch irgendwelche Berührungspunkte mit der Robotik?

Engelberger: Obwohl ich mein gesamtes Berufsleben in der Robotik-Industrie verbracht habe, so habe ich mich in den letzten 15 Jahren ausschließlich um die Pflege meiner Eltern gekümmert. Aber jetzt bin ich bereit, in dieses von mir so geliebte Tätigkeitsfeld zurückzukehren und bin begeistert von den Möglichkeiten, die diese Technologie heute bietet. Über die Jahre hinweg habe ich die Entwicklungen genau verfolgt und kann es kaum abwarten, wieder an dem Spaß teilzuhaben. Ich bin davon überzeugt, dass mein Vater mir dabei zur Seite steht und mich auf gute Ideen bringt, so wie er es immer getan hat. (jwz)

„Seine Tür stand immer offen“
Bild: Robotic Industries Association


Das könnte Sie auch interessieren

Pick&Place-Roboter in einer voll automatisierten Mikrofabrik

Unternehmen aus der verarbeitenden Industrie sind ständig auf der Suche nach neuen Ansätzen, um Kosten zu senken sowie Effizienz und Produktqualität zu erhöhen. Statt mit kostengünstigen Herstellern im Ausland zusammenzuarbeiten, bieten komplett automatisierte Mikrofabriken eine vielversprechende und kosteneffiziente Alternative zur herkömmlichen globalisierten Produktion.

Anzeige
Automatisierte Laseranlage

Nicht immer führen die herkömmlichen, alltäglichen Verfahren zum gewünschten Ziel. Dann lohnt es sich, ungewöhnliche Lösungsansätze zu durchdenken. So lassen sich die Bezüge für Autositzelemente mithilfe einer automatisierten Laseranlage ausschneiden, statt sie zu stanzen. Auf diese Weise erreichen Zulieferer für die Automobilindustrie mehr Flexibilität und ein qualitativ hochwertiges Ergebnis.

Absolutwert-Messsystem mit hoher Wiederholgenauigkeit

Nach Schnittstellen für CNC-Steuerungen von Bosch Rexroth und Siemens unterstützt das in die Linearführungen integrierte Absolut-Wegmesssystem IMS-A jetzt auch Fanuc-Systeme. Bei dem Plug&Play-Gebersystem legen Anwender lediglich den jeweiligen Nullpunkt der Maschine und die Messstrecke fest.

Anzeige
Komplettlösungen für die Lineartechnik

Mit den Linear Motion Units bietet Item eine einfache, schnelle und sichere Komplettlösung für die automatisierte Lineartechnik. Die Online-Software MotionDesigner ermittelt passgenaue Komponenten gemäß individuellen Anforderungen.

Flexibles Achssystem für komplexe Verfahrwege

Das flexible Achssystem HS2 von Hiwin besteht aus der Doppelachse HD in X-Richtung sowie der Riemenachse HM-B in Y-Richtung und realisiert komplexe Verfahrwege in zwei Dimensionen schnell und positionsgenau.

Open-Source-Baukasten

Die sechsachsige Build-it-yourself-Kinematik e.DO von Comau soll Benutzern verständlich machen, wie Robotertechnik funktioniert. Der modulare, kompakte und IoT-kompatible Gelenkarmroboter ist dabei einfach genug aufgebaut, um von Teenagern verstanden zu werden, und leistungsfähig genug, um auch Ingenieure zufriedenzustellen.