Ohne zentrales Leitsystem

ROBOTIK UND PRODUKTION: Auf dem Automation Day von Agilox wurde eine Anwendung mit der nach eigenen Angaben größten AMR-Flotte Österreichs vorgestellt, nämlich einem Flottenschwarm bestehend aus 26 AMR. Wo sind der Flottengröße aus Ihrer Sicht Grenzen gesetzt oder gibt es keine?

David Niedermaier: Die Frage, ob Schwarmintelligenz auf besonders große Flotten ausgerollt werden kann, ist immer wieder in der Diskussion. Dazu kann ich sagen: Ich sehe da grundsätzlich kein technisches Limit. In unseren hausinternen Testläufen operieren wir problemlos mit Schwarmgrößen von dreißig bis vierzig Fahrzeugen, auch hundert Fahrzeuge waren schon im Gespräch. In der operativen Umsetzung jedoch ist es eher unwahrscheinlich, dass man einen so großen Schwarm betreibt, bei dem alle Einheiten am selben Task arbeiten. In der Praxis werden Schwärme oft schon ab einer Größe von ca. 15 Fahrzeugen auf verschiedene Tasks bzw. Aufgaben aufgeteilt.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Können Sie für unsere Leser einmal das Konzept ihrer selbstlernenden Einheiten genauer beschreiben? Wie ist es möglich, das z.B. neu hinzukommende Fahrzeuge von den anderen Einheiten im Schwarm lernen?

AGILOX David Niedermeier Portrait
Bild: Agilox Services GmbH

Alle paar Sekunden wird die gesamte verfügbare Information über den kompletten Schwarm hinweg ausgetauscht. Wenn man jetzt ein weiteres Fahrzeug aufsetzt, verfügt es automatisch über die gesamte Information. Detektiert also ein Fahrzeug ein Objekt auf dem Shopfloor, wissen automatisch alle anderen Fahrzeuge über das Objekt Bescheid. Das bezieht sich z.B. auch auf den Ladezustand der Batterie oder die Entfernung der einzelnen Fahrzeuge vom Ziel. Die permanente Synchronisation hat zwei wesentliche Vorteile: Zum einen gibt es kein zentrales Leitsystem. Ich kann das Fahrzeug also an jedem Ort einsetzen, ohne extra ein IT-Projekt aufzusetzen. Zum anderen gibt es keinen Single Point of Failure. Ohne zentrales Leitsystem, habe ich kein großes Ausfallrisiko. Allenfalls kann ein einzelner Schwarmteilnehmer ausfallen.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche Vorteile bietet das Konzept eines schwarmintelligenten AMRs noch? Z.B. im Gegensatz zu spurgeführten AGVs?

Das autonome Fahren im Gegensatz zum spurgeführten bietet den klaren Vorteil, dass das Fahrzeug auf alle Dynamiken auf dem Shopfloor reagieren kann. Eine autonome Einheit kann sogar eine komplett andere Route wählen, wenn sich irgendwo ein Hindernis befindet. Es ist nicht nötig, in den Prozess einzugreifen, das Fahrzeug ist vollständig autonom.

Unser Ziel ist es, 80 Prozent der Use Cases abzudecken.
David Niedermaier, Agilox

ROBOTIK UND PRODUKTION: Sie verfolgen mit Ihren autonomen mobilen Einheiten ein Plug&Perform-Konzept. Können Sie uns das auch einmal etwas genauer erläutern? Wie erreichen Sie eine Inbetriebnahme in nur zwölf Stunden?

In einfachen Demo-Cases haben wir sogar schon Inbetriebnahmen unter 30 Minuten realisiert. Wir können hier so schnell sein, da sich alles, was wir für den Betrieb benötigen, am Fahrzeug befindet. Es gibt keine Peripherie, die man installieren muss. Man muss keine Referenzmarkierungen im Raum ausmessen oder einen zentralen Leitrechner installieren. Zur Inbetriebnahme geht man in den Teach-Modus, misst den Raum aus und dann kennt das Fahrzeug die Umgebung. Und schon kann man losfahren. Je nach Größe das Raums, dauert das unterschiedlich lange. In großen Räumen fährt man gesteuert mit dem Smartphone einmal alle Fahrflächen ab. Die zwei entscheidenden Faktoren für die rasche Inbetriebnahme sind: Die Fahrzeuge funktionieren infrastrukturlos und die Bedienung ist sehr einfach. Das funktioniert alles über ein Smartphone. Hier ist eine Station z.B. in zwei Klicks angelegt.

Seiten: 1 2