Wenn Regulierung zur Innovationsbremse wird

Julia Meggyes ist Rechtsanwältin 
bei der Kanzlei Noerr.
Julia Meggyes ist Rechtsanwältin bei der Kanzlei Noerr. – Bild: Noerr Partnerschaftsgesellschaft mbB

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit dem 2. Februar gelten mit dem Verbot von acht bestimmten KI-Praktiken, die ein ‚unvertretbares Risiko‘ darstellen sowie besonderen KI-Kompetenz-Pflichten die ersten Bestimmungen der KI-Verordnung. Ein medial zelebrierter Meilenstein, der bei näherer Betrachtung die Defizite des gesamten Regulierungsansatzes offenlegt.

Die ebenfalls Anfang Februar veröffentlichten Guidelines zu verbotenen KI-Praktiken und zur KI-System-Definition sollten mit Blick auf die neu geltenden Regeln Rechtssicherheit schaffen, erreichen jedoch genau das Gegenteil. Die beiden Guidelines offenbaren ein fundamentales Dilemma europäischer Regulierungspolitik: Sie sind formell unverbindlich und inhaltlich ungenau, entfalten aber faktisch rechtliche Wirkung, weil Aufsichtsbehörden und Gerichte sie als Auslegungshilfe heranziehen werden. Unternehmen, die den Guidelines nicht folgen, riskieren damit Bußgelder bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Auch die weitere Timeline zur Implementierung der KI-Verordnung liest sich wie ein Paradebeispiel für regulatorische Selbstüberschätzung. Zwischen 2024 und 2031 sind über 20 verschiedene Anwendungstermine, Berichtspflichten und Evaluierungsstufen vorgesehen – ein bürokratisches Mammutprojekt, das bereits in den ersten Monaten an seine Grenzen stößt. Diese Zeitschiene ist nicht nur ambitioniert, sie ist unrealistisch. Die EU-Kommission entwickelte einen Fahrplan, ohne die praktischen Voraussetzungen zu schaffen. Harmonisierte Standards fehlen, Leitlinien kommen verspätet und die Industrie kämpft bereits jetzt gegen die Bürokratielast.

Der 2. August markiert die nächste kritische Phase: Die Anforderungen an KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck, Governance-Regeln sowie die Sanktions- und Vertraulichkeitsregeln der KI-Verordnung treten in Kraft. Für Anbieter von solchen General-Purpose AI-Modellen bedeutet dies umfassende Compliance-Pflichten – sofern die erforderlichen Codes of Practice rechtzeitig fertiggestellt werden. Die ursprünglich für Mai geplanten Verhaltenskodizes für GPAI-Modelle wurden bereits auf August verschoben. Diese Verzögerung ist symptomatisch für die grundlegenden Probleme der europäischen KI-Regulierung: Technische Komplexität trifft auf politische Zeitpläne.

Der wichtigste Termin ist der 2. August 2026: Die Kernbestimmungen für Hochrisiko-KI-Systeme treten in Kraft. Alle Akteure müssen ab diesem Datum vollständig compliant sein – eine Herausforderung, die bereits heute unüberwindbar erscheint. Das Problem liegt insbesondere auch in der Abhängigkeit von harmonisierten Standards, die ursprünglich bis April 2025 fertiggestellt werden sollten, sich nun aber auf 2026 verzögern. Unternehmen müssen bereits jetzt Compliance-Programme aufbauen, ohne zu wissen, welche Anforderungen sie genau erfüllen müssen.

Für die Industrie ergeben damit sich fundamentale Herausforderungen: KI-Compliance wird zu einem eigenständigen Unternehmensbereich mit kontinuierlich neuen Anforderungen, die dauerhaften Anpassungs- und Investitionsbedarf und permanente Haftungs- und Wettbewerbsrisiken mit sich bringen. Angesichts dieser vielschichtigen Herausforderungen sind Unternehmen mehr denn je auf spezialisierte Rechtsberatung angewiesen, die sowohl die technischen Details der KI-Verordnung als auch deren praktische Auswirkungen auf Geschäftsmodelle versteht.

Das Ergebnis dieser überambitionierten Umsetzungstimeline der EU-KI-Verordnung ist ein regulatorisches Chaos, das Innovation hemmt, Rechtsunsicherheit schafft und die europäische Wettbewerbsfähigkeit untergräbt.

Es bleibt also abzuwarten, ob die europäische Politik den Mut zu grundlegenden Korrekturen an der KI-Regulierung aufbringt. Europa braucht eine realistische Regulierungspolitik mit umsetzbaren Zeitplänen. Andernfalls wird die KI-Verordnung als Epitaph einer gescheiterten europäischen Digitalpolitik in die Geschichte eingehen.

Herzliche Grüße,

Julia Meggyes