„Sichtbarkeit ist für mich der Schlüssel zum Erfolg“

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Bild: Teradyne Robotics (Germany) GmbH

ROBOTIK UND PRODUKTION: Erzählen Sie uns doch erst einmal etwas über Ihre Position bei Universal Robots. Was sind Ihre Aufgaben als Head of Ecosystem Success EMEA?

Susanne Nördinger: Grundsätzlich arbeite ich im strategischen Business und Partner Development. Dabei geht es darum, die Partner, die relevant und strategisch wichtig für unser Geschäft sind, zu identifizieren, zu entwickeln und auch zu begleiten. Und für diese Partner bin ich in ganz Europa zuständig. Zu den UR+-Partnern gehören Unternehmen, die Komponenten produzieren, die sich einfach mit unseren Robotern nutzen lassen, wie z.B. Greiferhersteller. Es kann aber auch eine Softwarefirma oder ein Kamerahersteller sein. Dann gibt es OEM-Partner, die Komplettlösungen entwickeln, in denen unsere Roboter enthalten sind. Das sind Turn Key Solutions zu bestimmten Applikationen, wie Palettieren, Schweißen oder Kleben. Das Schöne dabei ist: diese Partnerunternehmen sind sehr unterschiedlich, von Startup bis Großkonzern.

Ich arbeite intern mit sehr vielen verschiedenen Abteilungen zusammen. Zum einen mit der Produktentwicklung, um unsere Roadmaps zu kennen und zu wissen, in Richtung welcher Märkte und Technologien geht es gerade. Das trage ich wieder zurück zu den Partnerunternehmen und wir gleichen die Roadmaps ab. Zum anderen arbeite ich mit unserem Sales-Team zusammen, um Kundenbedürfnisse abzugleichen und gemeinsame Go-to-Market-Strategien mit Partnern zu entwickeln. So sitze ich an einer zentralen Schnittstelle.

Ich arbeite auch mit unserem Marketing zusammen, weil wir mit Partnern Co-Marketing-Aktionen entwickeln, von Events bis Social Media. Und gleichzeitig arbeite ich mit den technischen Abteilungen zusammen, mit dem Application Engineering oder eben der Produktentwicklung, weil es natürlich auch ein Teil der Aufgabe ist, Partner onzuboarden. Ich bin dafür zuständig, diese ganzen Themen zu den Partnern zu bringen und wieder zurück ins Unternehmen. Mit bestimmten Schlüsselpartnern entwickle ich partnerbasierte Entwicklungspläne, in denen wir dann vereinbaren, was wir im nächsten Jahr zusammen erreichen wollen. Zusätzlich dazu repräsentiere ich Universal Robots auf Events und bin immer wieder auf Konferenzen als Sprecherin eingeladen. So können neue potenzielle Partner auf mich aufmerksam werden.

„Es gibt kein zu spät für Weiterentwicklung.“
Susanne Nördinger, Universal Robots

ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche Fähigkeiten und Qualifikationen mussten Sie für diese Position mitbringen?

Geholfen hat mir mein technischer Hintergrund. Vor 25 Jahren habe ich ein Ingenieursstudium im Bereich Lebensmitteltechnologie begonnen. Dieses Studium ähnelt sehr dem Fach Maschinenbau, aber mit mehr Verfahrenstechnik. Das habe ich mit dem Bachelor abgeschlossen und vor ungefähr acht Jahren habe ich noch ein MBA-Studium in International Business Management und Leadership aufgesattelt, in dem ich viel über das Thema Führung und Strategie gelernt habe. Das sind die beiden Grundpfeiler, die mich in meine jetzige Position geführt haben. Zuvor habe ich viele Jahre als Fachjournalistin für Robotik und Automatisierung gearbeitet. Später war ich stellvertretende Chefredakteurin und stellvertretende Leiterin einer Digitalredaktion und habe dort z.B. eine Website zum Thema Robotik gelauncht sowie das gesamte Konzept entwickelt. Ich habe also jahrelange Erfahrung im Bereich Robotik und Automatisierung gesammelt und ein großes Netzwerk aufgebaut, bevor ich zu Universal Robots kam. Diese drei Dinge – das technische und das Management-Studium sowie die Branchenerfahrung – haben mich für die Stelle bei Universal Robots qualifiziert.

Eine weitere Fähigkeit ist die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Ein wichtiges Vorbild dafür war meine Mutter, die sich ihr ganzes Leben lang fortgebildet hat. Ich hab mich immer für neue Themen interessiert. Auch bei Universal Robots bilde ich mich immer weiter fort. Aber das technische Interesse hat natürlich einen hohen Stellenwert, wenn man so einen Job macht. Das hatte ich schon immer. Als Kind habe ich schon lieber mit Bauklötzen gespielt als mit Puppen. Kommunikationsstärke und Netzwerkkompetenz sind ebenfalls Fähigkeiten, die ich mitbringe.

„Führung ist Haltung nicht Hierarchie.“
Susanne Nördinger, Universal Robots

ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche Herausforderungen mussten Sie auf dem Weg in diese Position meistern?

Die größte Herausforderung, die ich meistern musste, war es, den zu mir passenden Job in der Industrie zu finden. Sichtbarkeit ist für mich hier der Schlüssel zum Erfolg gewesen. So bin ich auch zu dem Job bei Universal Robots gekommen. Als Fachjournalistin habe ich einen Vortrag über die Zukunft der Robotik gehalten. Dort hat mich jemand von Universal Robots entdeckt und mir damals die Position als UR+ Eco System Manager vorgeschlagen. Ohne den Vortrag hätte ich nie von diesem Job erfahren. Gerade für Frauen ist es besonders wichtig, dass man intern wie extern Netzwerke pflegt. Intern natürlich, damit man bei Beförderungen mit im Gespräch ist. Und extern, um sich weiterentwickeln zu können. Mein Netzwerk ist ein großer Teil meines jetzigen Jobs, aber es braucht Zeit, um ein Netzwerk aufzubauen. Es lässt sich auch nicht erzwingen, es muss sich ganz natürlich ergeben.

Eine Herausforderung bestand für mich auch darin, mich beruflich zu verändern. Von meiner Tätigkeit als Journalistin wollte ich in die Industrie wechseln. Deshalb habe ich mich auch für das MBA-Studium entschieden. Diesen konkreten Plan aufzustellen und durchzuziehen, war eine Herausforderung. Und um diese zu meistern, war wiederum die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und zu ständiger Veränderung sehr wichtig.

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Bild: Teradyne Robotics (Germany) GmbH

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was glauben Sie, warum Positionen wie die Ihre immer noch selten mit Frauen besetzt sind?

Ich glaube schon, dass es insgesamt weniger Frauen gibt, die sich für Technik interessieren. Mein Großvater z.B. war Konstrukteur. Schon im Kindergartenalter hat er mir seine Konstruktionszeichnungen gezeigt und ich fand es spannend, während es meine beiden Schwestern nicht interessiert hat. Wenn sich also weniger Frauen für technische Berufe interessieren, dann sind natürlich insgesamt einfach weniger Frauen in diesen Bereichen vorhanden. Und dann fällt es Frauen aus meiner Sicht auch schwerer, sich zu zeigen, darüber zu sprechen, was sie geschafft haben, eben sichtbar zu sein. Deshalb werden sie dann weniger für Führungspositionen berücksichtigt.

Gleichzeitig können natürlich nicht alle Frauen so wie ich, wenn sie Kinder haben, Vollzeit arbeiten, weil sie sich für ein anderes Familienmodell entschieden haben. Es gibt nur wenige Unternehmen, in denen geteilte Führung möglich ist. Dazu kommen strukturelle Barrieren. Z.B. fehlt es häufig an flexiblen Arbeitszeitmodellen. Und Frauen gehen seltener in Netzwerke. Ich hab das Netzwerken von meinem Vater gelernt, der hat seine Netzwerke immer gepflegt. Außerdem fehlt es an Vorbildern. Frauen übernehmen auch beruflich immer noch häufiger die unterstützenden Rollen und weniger die strategisch wichtigen.

Frauen lesen auch Stellenanzeigen anders als Männer. Sie denken, Sie müssen wirklich alles mindestens zu 100 Prozent erfüllen, was da drin steht. Das kenne ich von mir selbst. Männer lesen Stellenanzeigen so, dass sie vielleicht bei 50 bis 60 Prozent denken, das passt. Ich denke, das ist eine Frage des Selbstbewusstseins.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was tun Sie und Ihr Unternehmen, um Frauen im Technikbereich zu fördern? Wie unterstützen Sie es, dass Frauen zunehmend auch höhere Führungspositionen erreichen?

Universal Robots gehört ja zu Teradyne und dort haben wir eine interne Gruppe, die nennt sich ‚Women in Teradyne‘. Dabei handelt es sich um eine globale Gruppe, in der man sich austauschen kann. Da werden auch immer wieder Kolleginnen vorgestellt und was sie beruflich machen. Gerade in den technischen Bereichen wird man auch immer wieder auf relevante Veranstaltungen hingewiesen. Es handelt sich um ein virtuelles Netzwerk, aber an verschiedenen Standorten von Teradyne gibt es auch Gruppen, die sich persönlich treffen. Ziel dieser Gruppen ist Austausch und Empowerment. Gleichzeitig ist Teradyne auch Teil einer größeren Fraueninitiative, die sich GSA nennt. Das steht für Global Semi Conductor Alliance. Hier haben sich viele große Unternehmen aus der Halbleiterbranche zusammengeschlossen, um Frauen zu fördern.

Im Juli war ich z.B. bei einer Mitgliedsfirma auf einem Event, das nannte sich Lunch and Learn, dorthin wurden u.a. alle Frauen eingeladen, die für Teradyne im Raum München tätig sind. Hier hielt eine junge Frau eine inspirierende Rede, die CEO von einem AI-Startup war, und im Anschluss gab es eine Diskussionsrunde an der fünf Frauen aus fünf verschiedenen Unternehmen teilgenommen haben und sich über die Themen unterhalten haben, um die es auch in diesem Interview geht. Thema war vor allem, wie man sich gegenseitig unterstützen kann.

Darüber hinaus bietet Teradyne Coaching-Programme an, die aber nicht geschlechtsspezifisch sind. Außerdem haben wir ein internes Mentoring-Programm. An beiden Programmen durfte ich teilnehmen. Das war eine sehr gewinnbringende Erfahrung und tolle Förderung. Ich versuche selbst auch, diese positiven Erfahrungen zurückzugeben und ebenfalls Kolleginnen und Kollegen zu fördern.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was raten Sie jungen Menschen, die Ambitionen haben, einen ähnlichen Weg wie Sie einzuschlagen?

Ich rate jedem, neugierig zu bleiben und lebenslang zu lernen. Und ich sage immer, es gibt kein zu spät für Weiterentwicklung. Ich habe meinen MBA z.B. mit 36 Jahren angefangen und ich war dort auch nicht die älteste. Mir fiel es sogar leichter, weil ich erfahrener war als andere. Und wenn man einen Weg eingeschlagen hat und stellt fest, da will ich aber nicht für immer bleiben, dann muss man sich überlegen, was interessiert mich noch und was kann ich dafür tun, um dahin zu kommen? Man muss Strategien entwickeln und dazu gehört, dass man aktiv Gespräche sucht mit Leuten auch außerhalb der eigenen Branche.

Lebenslang lernen, Netzwerken und Mut zur Veränderung, auch wenn der Weg nicht linear ist. Ich bin das beste Beispiel dafür. Erst bin ich Ingenieurin geworden, habe dann aber nie als Ingenieurin gearbeitet, sondern als Journalistin. Dann wollte ich wieder zurück in die Technik. Man muss auch über die eigenen Erfolge sprechen, und zwar mit den richtigen Leuten. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Man muss sich Mentoren suchen, aber auch selbst andere unterstützen.

Natürlich sollte man auch einen Weg einschlagen, der einem Spaß macht. Es bringt nichts, wenn man ein technisches Fach studiert als Frau, nur weil man denkt, das ist jetzt angesagt. Wenn einen das nicht interessiert, dann wird man damit wahrscheinlich auch nicht glücklich. Und ich lege jedem ans Herz: Führung bedeutet nicht, einen bestimmten Titel zu tragen oder eine bestimmte Position zu bekleiden. Wirkliche Führung zeigt sich in Wirkung, Einfluss und Inspiration. Wirkung entsteht, wenn man Arbeit abliefert, die zum Unternehmenserfolg beiträgt. Einfluss hat man, wenn man seine Leidenschaft anderen mitteilt. Inspiration bedeutet, Menschen zu begeistern und mitzunehmen. Man kann eine Führungskraft sein, mit und ohne Titel. Führung ist Haltung nicht Hierarchie.

Das Interview führte: Frauke Itzerott
Ressortleiterin Robotik und Chefredakteurin ROBOTIK UND PRODUKTION. Hat einen Kollegen, der sich vor humanoiden Robotern fürchtet, kann ihn aber immer wieder beruhigen.