Der Anfang einer Reise

ROBOTIK UND PRODUKTION: FTS- und AMR-Lösungen finden in der Industrie immer weitere Verbreitung. Wird das Potenzial auch schon bei den mittelständischen Unternehmen in der produzierenden Industrie erkannt?

Gregor Schubert-Lebernegg, Knapp: Noch nicht flächendeckend, vereinzelt aber sehr wohl. Aufgrund des Fachkräftemangels und des zunehmenden Kostendrucks erkennen die ersten mittelständischen Unternehmen die Notwendigkeit der Automatisierung auch im Bereich der AMR. Sie bieten eine einfache Möglichkeit, die Produktion an die aktuellen Herausforderungen anzupassen. Sie können rasch in eine bestehende Infrastruktur integriert werden und sind für die Zukunft auch erweiterbar. So ist auch der Start bereits mit einem mobilen Transportroboter möglich. Insgesamt ist jedoch nach wie vor zu erkennen, dass viele mittelständische Unternehmen Automatisierung noch nicht näher betrachten oder aufgrund von Angst und Vorurteilen davor zurückschrecken. Dabei sind diese meist unbegründet.

347208 Gregor Schubert Lebernegg
Gregor Schubert-Lebernegg, Knapp – Bild: Knapp AG

Jan Louwen, Stäubli: Die mobile Robotik befindet sich aktuell am Anfang ihrer Reise. Die Technologie und die Wichtigkeit solcher Lösungen muss stets betont und erklärt werden, um die Vorteile und Grenzen zu verdeutlichen. Sicherlich gibt es aber ein riesiges Potential für mittelständische Unternehmen, mobile Robotik einzusetzen, um einen effizienteren Materialfluss zu erzielen. Jedoch gibt es noch gewisse Berührungsängste, die durch viel Erklärung geschmälert werden.

347208 Portrait Jan Louwen 02
Jan Louwen, Stäubli – Bild: Stäubli Robotics GmbH

Ronald Kretschmer, EK Robotics: Unternehmen suchen zunehmend nach Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern, Prozesse effizienter zu gestalten und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Mobile Robotiklösungen – sei es durch fahrerlose Transportsysteme oder autonome mobile Roboter – spielen dabei eine zentrale Rolle, indem sie eine verlässliche und wirtschaftliche Prozesskontinuität sicherstellen. Auch im Mittelstand erkennen immer mehr Unternehmen die Vorteile dieser Lösungen. Allerdings bestehen häufig noch Vorbehalte, etwa hinsichtlich vermeintlich hoher Investitionskosten oder befürchteter Herausforderungen bei der Integration in bestehende IT-Strukturen. Eine Lösung sind skalierbare und leicht implementierbare Applikationen, die sich nahtlos in bestehende Prozesse integrieren lassen.

347208 ek robotics ronald kretschmer chief 20250129105406
Ronald Kretschmer, EK Robotics – Bild: EK Robotics

Gérôme Stemmer, Safelog: Wir haben in der Vergangenheit schon viele Projekte bei produzierenden mittelständischen Unternehmen umgesetzt und erhalten regelmäßig Anfragen von Firmen aus dem Mittelstand, die sich mit Automatisierung beschäftigen. Die Tendenz ist stetig steigend, da die Lösungen mittlerweile erprobt sind und die positive Wahrnehmung der Automatisierung von Produktionsprozessen auch im Mittelstand angekommen ist. Durch die dezentrale Steuerung unserer mobilen Roboter kann in den meisten Fällen auf die Anschaffung eines Leitstandes verzichtet werden, wodurch auch Projekte mit geringer Roboterzahl kostengünstig umgesetzt werden können. Aus Safelog-Sicht können wir diese Frage somit bejahen.

347208 Grme Stemmer 01
Gérôme Stemmer, Safelog – Bild: Safelog GmbH

ROBOTIK UND PRODUKTION: Worauf sollten Anwender aus diesem Bereich achten, wenn sie vorhaben, FTS oder AMR in ihrer Fertigung und Intralogistik einzusetzen?

Kretschmer, EK Robotics: Mittelständische Unternehmen sollten bei der Auswahl von fahrerlosen Transportsystemen oder autonomen mobilen Robotern besonders auf Skalierbarkeit, Integrationsfähigkeit und Zukunftssicherheit achten. Da diese Automatisierungslösungen für eine langfristige Nutzung – oft über Jahrzehnte hinaus – konzipiert sind, ist die Fähigkeit zur flexiblen Anpassung an veränderte Produktionsbedingungen ohne erhebliche Zusatzkosten von zentraler Bedeutung. Ebenso wichtig sind eine benutzerfreundliche Bedienung und ein geringer Wartungsaufwand, um den internen Aufwand zu reduzieren und die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden zu fördern. Darüber hinaus spielt die Interoperabilität mit bestehenden IT- und ERP-Systemen eine entscheidende Rolle, um eine nahtlose Integration in die vorhandenen Prozesse sicherzustellen.

Louwen, Stäubli: Drei Punkte sollten Anwender aus dem Mittelstand berücksichtigen. Sie müssen die Anwendung verstehen. Erst wenn verstanden ist, was der genaue Use Case ist, kann nach der richtigen automatisierten Lösung gesucht werden. Am besten starten sie nach dem Motto Keep It Simple mit einer einfachen Applikation, um einen ersten Erfolg zu verzeichnen und um davon für zukünftige größere Automatisierungsprojekte wichtige Erfahrungen zu sammeln. Bediener und Anwender sollten schließlich ab einem frühen Zeitpunkt einbezogen werden, um anfänglichen Unsicherheiten vorzubeugen und eine erfolgreiche Projektumsetzung zu gewährleisten.

Stemmer, Safelog: Unabhängig davon, ob es sich um einen Konzern oder einen Mittelständler handelt, merken wir in den Vorgesprächen zu Projekten, dass die Erwartungshaltung zu groß und die Ziele zu hochgesteckt sind. Wir raten Interessenten, die noch keinerlei Erfahrung mit der Automatisierung durch mobile Roboter haben, mit einem kleinen Projekt zu starten oder nur einem Teilprozess, um das notwendige Knowhow für den Big Bang aufzubauen. Tatsächlich sollte man auch klar hinterfragen, ob sich der Prozess, der automatisiert werden soll, dafür auch tatsächlich eignet. Darüber hinaus sollten Anwender keine Scheu haben, die vorhandenen Informationsquellen über das Angebot der Hersteller hinaus zu nutzen. Mittlerweile gibt es viele, qualitativ hochwertige Vergleichsportale wie Lotsofbots, Motionminers, Even Logistics oder Mobile Robot Directory, auf denen man sich einen sehr guten Überblick zum Marktangebot verschaffen kann.

Schubert-Lebernegg, Knapp: Es gibt mehrere Faktoren, auf die ein Unternehmen bei der Integration von AMR achten sollte. Bevor man sich Gedanken über ein Fahrzeug und einen Anbieter macht, sollte man sich mit dem Anwendungsfall befassen. Dieser sollte so gut wie möglich spezifiziert sein. Sobald das geschehen ist, kann man den Markt auf passende Systeme prüfen. Dabei gibt es mehrere Dinge zu beachten. Erstens sollte es sich um ein System handeln, dass sich flexibel an veränderte Prozesse anpassen lässt und einfach skalierbar ist, idealerweise durch die eigenen Mitarbeiter. Zweitens sollte man sich Gedanken über die notwendige Software machen, die sich nahtlos an die bestehende Systemlandschaft integrieren lassen sollte oder auch standalone genutzt werden kann. Und zu guter Letzt gilt es darauf zu achten, dass die AMR über die notwendigen Sicherheitsstandards verfügen.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche technologischen Eigenschaften empfehlen Sie dieser Zielgruppe?

Louwen, Stäubli: Ich empfehle die sorgfältige Auswahl des richtigen Typs, wie mobiler Roboter als Plattform oder Gabelstapler. Dann ist die Auswahl einer geeigneten Navigationsart, wie z.B. Laser basierend auf Natural Features oder Line Following, wichtig, ebenso die Auswahl eines geeigneten Batterietyps im Hinblick auf Laufzeit, Ladezeit, Ladezyklen und Nachhaltigkeit. Auch die Berücksichtigung der Umgebungsbedingungen wie Bodenbeschaffenheit, Steigungen, Feuchtigkeit und Temperatur sollte nicht vernachlässigt werden.

Kretschmer, EK Robotics: Die Wahl der passenden Lösung hängt maßgeblich vom individuellen Anwendungsfall ab. Mittelständische Unternehmen können sowohl von modularen Serienfahrzeugen für standardisierte Prozesse als auch von maßgeschneiderten Sonderlösungen für komplexe Intralogistikprozesse profitieren. Dabei spielen Faktoren wie Aufgabenkomplexität, Umgebungsanforderungen sowie Navigations- und Sicherheitsstandards eine zentrale Rolle. FTS mit fest definierter Navigation und robuster Bauweise eignen sich für vorhersehbare, repetitive Abläufe. Im Gegensatz dazu bieten autonome mobile Roboter hohe Flexibilität, da sie sich dynamisch an veränderte Umgebungen anpassen können. In vielen Fällen stellt eine Hybridlösung die effizienteste Option dar.

Schubert-Lebernegg, Knapp: Es ist wichtig, ein AMR-System zu nutzen, das vom Unternehmen selbst verwaltet, genutzt aber auch insbesondere verändert werden kann. Die Anforderungen können sich schnell ändern. Schnell darauf reagieren zu können, kann den Unterschied zwischen erfolgreichem Einsatz und Fehlschlag ausmachen. Anwender nutzen am besten ein System, das auf Basis von natürlicher Konturenerkennung lokalisiert und navigiert. Nur so ist das Unternehmen auch für die Zukunft flexibel aufgestellt. Sie sollten auch nach einem Fahrzeug, das potentielle zukünftige Anwendungsfälle abdecken kann, suchen. Bei Platzproblemen kann ein Fahrzeug mit integriertem Hub zur Versorgung von Arbeitsplätzen mit Kleinladungsträgern hilfreich sein. Auch ein automatisierter Stapler, der sich im Stand um die eigene Achse drehen kann, eigent sich hierfür.

Stemmer, Safelog: Eine pauschale Empfehlung nach dem Motto ‚Nehmt diesen Roboter, der kann alles‘, oder ‚Setzt auf diese technischen Eigenschaften‘, kann nicht erfolgen. Dafür unterscheiden sich die Anwendungsfälle bei den Kunden vor allem in Bezug auf das Transportgut und die Prozessumgebung zu sehr. Wir vertreten grundsätzlich die Auffassung, je weniger technischer Schnickschnack desto weniger kann kaputt gehen und desto stabiler läuft das System. Eine konkrete Empfehlung, die über die Standardausstattung in Bezug auf Sicherheit und Lastaufnahme hinausgeht, kann erst erfolgen, wenn der Anwendungsfall bekannt ist und die Anforderungen an den Roboter definiert wurden.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Gibt es Lösungen aus Ihrem Hause, die sich konkret an diese Anwendergruppe richten?

Schubert-Lebernegg, Knapp: Wir bieten mit den Open Shuttles AMR-Lösungen für den Transport von Behältern, Kartons, Trays und Palletten an, mit einer Flottengröße von einem Fahrzeug bis über 150. Dadurch ist der Einstieg für mittelständische Unternehmen in die Automatisierung
besonders leicht. Unsere AMR sind einfach zu konfigurieren und bei Bedarf auch erweiterbar. Die Open Shuttles lassen sich in unterschiedlichen Ausführungen und Varianten beziehen: über ein Mietmodell bei saisonalen Schwankungen, ein komplettes Automatisierungsprojekt für eine maßgeschneiderte Lösung bis zum Produktkauf.

Kretschmer, EK Robotics: Mit unserer modularen Baureihe Vario Move, der Transportplattform X Move oder maßgeschneiderten Fahrzeugen der Serie Custom Move bieten wir Lösungen, die speziell auf die Anforderungen mittelständischer Unternehmen zugeschnitten sind. Beide Baureihen zeichnen sich durch flexible Konfigurierbarkeit, einfache Skalierbarkeit und die Möglichkeit aus, schrittweise in bestehende Prozesse integriert zu werden. Um individuellen Anforderungen gerecht zu werden, können die Systeme mit kundenspezifischen Lastaufnahmemitteln ausgestattet werden. Der entscheidende Faktor bleibt jedoch stets der konkrete Anwendungsfall.

Stemmer, Safelog: Ein fertiges Produkt von der Stange, das sich auf jede Anfrage aus dem Mittelstand anwenden lässt, haben wir nicht zu bieten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es bei den Anfragen aus dem produzierenden Gewerbe meist um den Transport von Halbzeugen zwischen den Arbeitsstationen handelt. Mit den mobilen Unterfahrrobotern aus der M4-Serie, die als Zugfahrzeug für Trolleys, als aushebendes Fahrzeug oder mit entsprechendem optionalem Aufbau als Montageplattform eingesetzt werden können, haben wir ein vielseitiges Allroundfahrzeug im Portfolio. Damit kann ein Großteil der intralogistischen Prozesse abgedeckt werden.

Louwen, Stäubli: Beim PF3 handelt es sich um ein fahrerloses Transportfahrzeug mit einer Traglast bis 3t. Es verfügt über ein vorteilhaftes Verhältnis von Größe zu Nutzlast und ein smartes Wartungskonzept, das eine einfache Instandhaltung ermöglicht, indem Hauptkomponenten innerhalb weniger Minuten ausgetauscht werden können. Der FL1500 ist ein automatisierter Gegengewichtsstapler mit einer Traglast bis 1,5t, der in seiner Kategorie auf dem Markt die kompakteste Bauweise aufweist. Der Gabelstapler zeichnet sich durch hohe Manövrierfähigkeit und einen geringen Wendekreis aus. Den Abschluss der Produktreihe bildet Sterimove, ein mobiler Roboter, der mit den Reinraumklassen A/B/C/D kompatibel ist und speziell für den Einsatz in der Pharmaindustrie konzipiert wurde.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was zeichnet Ihre entsprechenden Lösungen aus? Wie unterscheiden Sie sich vom Angebot Ihrer Marktbegleiter?

Stemmer, Safelog: Der Vorteil aller Safelog-Roboter liegt in der dezentralen Steuerung mittels Schwarmintelligenz sowie den softwareorientierten Lösungsansätzen. Die Software wird auch in Zukunft die entscheidende Rolle spielen. Viele Aufgaben lassen sich durch eine geschickte Softwarelösung smarter abbilden als durch einen technisch komplizierten Hardewareansatz. Des Weiteren sind alle Geräte auch VDA5050-ready und können dadurch ohne Probleme durch einen übergeordneten Leitstand gesteuert werden. Das ermöglicht ein breiteres Einsatzspektrum.

Kretschmer, EK Robotics: Unsere Expertise im Sonderbau erlaubt es uns, selbst komplexe Transportanforderungen zu erfüllen. Diese Fähigkeit, individuelle Lösungen zu entwickeln, die exakt auf die Bedürfnisse unserer Kunden abgestimmt sind, unterscheidet uns klar vom Wettbewerb. Ein weiterer Vorteil ist unser Retrofit-Angebot: Bestehende Anlagen können modernisiert und an neue Anforderungen angepasst werden. Dadurch verlängern wir den Lebenszyklus unserer Systeme, steigern ihre Effizienz und sichern Anwendern langfristig einen Wettbewerbsvorteil in der Intralogistik.

Schubert-Lebernegg, Knapp: Unsere AMR-Lösungen bedeuten vor allem Unabhängigkeit und Flexibilität für den Kunden. Dabei setzen wir auf Fahrzeuge, die äußerst wenig Platz benötigen und in engsten Umgebungen eingesetzt werden können. Die Konfiguration und Anpassung des Systems kann von den Unternehmen selbst vorgenommen werden. Knapp ist auch der einzige Anbieter am Markt, der ein vollintegriertes Lagersystem aus einer Hand liefern kann, von kleinen AMR-Projekten bis hin zu kompletten vollautomatischen Lösungen. Mit der Flottenkontrollsoftware KiSoft FCS lassen sich zusätzlich autonome Transportfahrzeuge anderer Hersteller sowie manuelle Flurförderzeuge in die Systemlandschaft einbinden. Abgerundet wird unser Angebot durch maßgeschneiderte Servicepakete.

Das Interview führte: Frauke Itzerott
Ressortleiterin Robotik und Redakteurin ROBOTIK UND PRODUKTION. Hat einen Kollegen, der sich vor humanoiden Robotern fürchtet, kann ihn aber immer wieder beruhigen.