Ein Roboter, der sich selbst repariert?

Oliver Koeth NTT DATA DACH
„Jetzt zählt: Daten konsequent ­erschließen, ­Integration vor­bereiten und ­wertschöpfende Einsatzszenarien entwickeln.“ Oliver Köth, Managing Director Technology & Innovation DACH bei NTT Data – Bild: NTT Data Deutschland SE

Dahinter steckt die Idee, eine Brücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schlagen. Diese Form der KI versteht räumliche Zusammenhänge, interpretiert Sensorinformationen in Echtzeit und interagiert aktiv mit ihrer Umgebung. ‚Kennen wir schon‘, mag mancher einwenden. Schließlich hat Computer Vision bewiesen, dass Roboter ’sehen‘ können. Doch dieses KI-basierte Augenlicht hat nun einmal seine Grenzen: Die Systeme erkennen zwar Muster, aber sie verstehen nicht, was sie sehen. Eine Schraube identifizieren ist das eine – ihre Funktion begreifen etwas völlig anderes.

Hände für die KI

Heute stehen der Industrie zahlreiche KI-Disziplinen zur Verfügung, mit denen sie ihren Anlagen ein Eigenleben verleihen kann. GenAI ist vor allem ein Denker: Sie analysiert Daten, erkennt Muster, formuliert Empfehlungen und liefert Vorschläge. Deren Umsetzung liegt jedoch nach wie vor in menschlicher Hand. Die nächste Entwicklungsstufe ist Agentic AI: Systeme, die nicht nur Antworten formulieren, sondern aktiv planen, Prioritäten setzen, Workflows anstoßen und aus den Ergebnissen lernen. Sie werden zu autonomen Problemlösern – aber nur innerhalb des digitalen Raums. Das wiederum führt zum jüngsten Technologiesprung: Physical AI. Diese KI stattet Maschinen mit kognitivem Denken und räumlichem Bewusstsein aus und überwindet damit die Beschränkungen traditioneller Automatisierung. Die Systeme sind in der Lage, auf komplexe und unvorhersehbare Situationen zu reagieren und aus ihren Erfahrungen zu lernen – sie ahmen quasi menschliches Verhalten nach. Das heißt, die Maschinen verstehen nicht nur, was sie sehen, sondern auch, was es bedeutet: Solche Industrieroboter sind in der Lage, ohne menschliches Eingreifen Diagnosen zu stellen, Reparaturen durchzuführen und das dafür notwendige Material eigenständig nachzubestellen. Damit schließt Physical AI die bisherige Lücke zwischen der digitalen und der echten Welt mit all ihren physikalischen Eigenschaften.

Physical AI steht erst am Anfang

Die Technologie steckt heute – so ehrlich muss man sein – noch in den Kinderschuhen. Sie ist faszinierend, aber weit entfernt von einer breiten industriellen Reife. Doch wer den Fortschritt von GenAI verfolgt hat, weiß, dass Innovationszyklen schnell explodieren können. Der Sprung von Gemini 2.5 auf 3 demonstriert eindrucksvoll, wie rasant sich Modellarchitekturen und Fähigkeiten heute weiterentwickeln. Genau dieses Tempo wird auch Physical AI mit voller Wucht erfassen. Deshalb ist Abwarten für Fertiger keine echte Option. Jetzt zählt: Daten konsequent erschließen, Integration vorbereiten und wertschöpfende Einsatzszenarien entwickeln. Wer das verschläft, landet wie schon bei GenAI an der Seitenlinie und sieht zu, wie die Konkurrenz vorbeizieht.