
ROBOTIK UND PRODUKTION: Erzählen Sie uns doch einmal etwas über Ihre Position bei ABB. Was machen Sie als Head of System Service bei ABB Robotics?
Dana Merget: Der Bereich System Service gehört zu unserem Kundenservice, der sich mit dem kompletten After Sales beschäftigt. Unsere Aufgabe ist es konkret, Kunden zu unterstützen, die bereits eine robotergestützte Automatisierungsanlage nutzen, deren Bestandteile aber nicht mehr voll an die Ersatzteilverfügbarkeit angebunden sind. Wir helfen dabei, Modernisierungskonzepte zu erarbeiten, wie z.B. Steuerungs- und Manipulatorarm-Upgrades oder auch komplette Anlagenmodernisierungen. Meine Aufgabe als Head of System Service ist es, für diesen Bereich die Profit- und Loss-Verantwortung zu tragen. Ich führe ein 16-köpfiges Team, das unsere Kunden vom ersten Anlagenbesuch und der Konzeptentwicklung über die Angebotserstellung, die Vertragsverhandlung, die Projektentwicklung bis hin zum Abschluss begleitet. Und für diesen kompletten Prozess trage ich entsprechend auch die Verantwortung. Ich sorge dafür, dass die Prozesse reibungslos laufen und arbeite mit unserer globalen Organisation zusammen.
ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche Fähigkeiten und Qualifikationen mussten Sie für diese Position mitbringen?
Ich denke, die wesentlichen Fähigkeiten und Qualifikationen muss man nicht unbedingt mitbringen. Die entwickeln sich viel mehr über die Laufbahn hinweg. Ich persönlich habe nach dem Abitur ein duales Studium begonnen, auch weil ich damals unabhängig sein wollte. Dieses duale Studium habe ich mit ABB gemeinsam absolviert, und zwar im Bereich Mechatronik mit dem Schwerpunkt Projekt-Engineering. Zusätzlich zu den technischen Komponenten haben auch schon die Bereiche Projektmanagement, Organisation und BWL einen gewissen Teil des Studiums ausgemacht. Hier habe ich gelernt, wie wichtig Eigenmotivation und eine saubere Struktur sind.
Direkt nach dem Studium bin ich in die Praxis eingestiegen und war als Inbetriebnahme- und Projektierungsingenieurin tätig. Ich war direkt vor Ort, habe programmiert, war auf den Anlagen, habe mich dreckig gemacht und durfte sehr viel Praxisluft schnuppern. Ich habe allerdings auch sehr schnell erkannt, dass ich meine Stärken in Bezug auf Struktur, Kommunikation und Planung nicht so einsetzen konnte, wie ich es gerne wollte. Ich habe also überlegt, wie ich mich weiterentwickeln kann, und habe dann gesagt: Projektmanagement bzw. Projektleitung – das würde gut zu mir passen. Ich habe den Schritt gewagt und mich hier in Friedberg für den Bereich System Service beworben.

Das hat sehr viel Mut erfordert, weil ich im Vorfeld noch keine Berührungspunkte mit Robotik hatte. Ich hatte noch nie einen Roboter programmiert und war noch nie in einer Roboteranlage. Ich bin zum Vorstellungsgespräch gegangen und habe klar geäußert, dass ich die Stelle übernehmen, mich in den neuen Bereich einarbeiten möchte und motiviert bin. Und es hat geklappt. Das war eine sehr spannende Zeit für mich. Nach und nach sind die Projektgrößen gewachsen und ich durfte neue Kundensegmente kennenlernen. Und so habe ich sehr viel über die Themen Kommunikation, Empathie und über die Führungsrolle gelernt.
Dann kam Corona und ich hatte auf einmal so viel ungewohnte Freizeit, dass ich mich entschlossen habe, noch ein Masterstudium aufzusetzen. Allerdings war mit Studienbeginn der Markt wieder voll da und ich wieder in internationalen Projekten gebunden. Damit hat das Thema Priorisierung und Struktur wieder an Bedeutung gewonnen. Ich habe die Herausforderung angenommen und während des Studiums mein Mindset noch mal verändert, weg vom Thema Projektmanagement hin zu den Themen Führung und Strategieplanung.
Mein damaliger Chef hat schließlich entschieden, sich weiterzuentwickeln und in die Schweiz zu gehen, woraufhin ich ihn angesprochen habe, wie er es fände, wenn ich mich auf seine Stelle bewerbe. Wir haben viele Gespräche geführt und schlussendlich habe ich mich dafür entschieden, mich auf seine Stelle zu bewerben. Es war ein sehr spannender Prozess, immer wieder über sich hinauszuwachsen, zu schauen, wo es weitergehen könnte und aus der Komfortzone herauszutreten. Dabei ging es aber immer auch ums Lernen und darum, alles mitzunehmen, was möglich ist.
Jeder muss für seine Wünsche einstehen und sich an der richtigen Stelle Gehör verschaffen.
Dana Merget, ABB
Es erfordert Mut, sich auf eine Stelle zu bewerben, für die man noch nicht alle Voraussetzungen erfüllt, aber es lohnt sich. Dabei sollte man sich nicht davon beeinflussen lassen, was das Umfeld sagt, sondern sich nur fragen: Will ich mich in diese Richtung weiterentwickeln? Es erforderte für mich auch Mut, mich noch während des Studiums als Jüngste im Team in eine Führungsrolle zu begeben, und das in einem männerdominierten Team. Aber diesen Mut muss man haben. Denn niemand kommt zu einem und sagt: Geh doch mal diesen Schritt. Die Entscheidung muss immer aus einem selbst kommen. Man muss für seine Wünsche einstehen und sich an der richtigen Stelle Gehör verschaffen.
ROBOTIK UND PRODUKTION: Welche Herausforderungen mussten Sie auf dem Weg in diese Position meistern?
Die größte Herausforderung fachlich gesehen war für mich die Doppelbelastung aus Studium und Beruf. Dieser musste ich mich insgesamt zweimal stellen, am Anfang während des Bachelor und dann noch mal später während des Master. Das war nur mit ausreichend Disziplin und Priorisierung möglich. Abseits des Fachlichen war es für mich am Anfang meiner Berufslaufbahn herausfordernd, das erste Mal eine Baustelle zu besuchen. Denn wir sind vorher in ein Fachgeschäft gefahren, damit ich mich mit der entsprechenden persönlichen Schutzausrüstung ausstatten kann. Doch dieses Geschäft hatte nur Herrengrößen vorrätig. Es gab auch keine Schuhe in meiner Größe, da ich mit Schuhgröße 37 doch eher kleine Füße habe. Die kleinste verfügbare Größe war 39 und ich musste dicke Socken überziehen, damit die Schuhe irgendwie halten. Denn ich musste bereits am nächsten Tag zum Kunden. Das war ein Schock für mich. Aber auch danach musste ich manchmal die Erfahrung machen, dass es auf Baustellen keine Damentoilette gibt und ich bis zu 15 Minuten Weg auf mich nehmen muss, um zur nächsten Damentoilette zu gelangen.
Vor allem wenn man jung ins Berufsleben startet, ist es sehr schwierig damit umzugehen. Das wirkt erst einmal sehr abschreckend. Aber da hat sich in den letzten zehn Jahren schon vieles verbessert. Mittlerweile gibt es Schutzausrüstung auch in Damengrößen und ich musste schon lange nicht mehr das Gebäude wechseln, um zur Damentoilette zu gelangen.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was glauben Sie, warum Positionen wie die Ihre immer noch selten mit Frauen besetzt sind?
Aus meiner Sicht beginnt der Grund dafür schon sehr früh, dadurch dass in den Schulen und vielleicht sogar auch schon im Kindergarten Mädchen häufig nicht gefördert werden, wenn sie sich für technische Themen interessieren. Ich persönlich hatte das Glück, auf eine Mädchenschule zu gehen, auf der ich gerade in den Bereichen Mathematik, Informatik und Physik sehr gefördert wurde. Doch das ist nach wie vor eine Seltenheit. In unseren Köpfen herrscht immer noch ein bestimmtes Rollenbild vor. Ich bin allerdings der Meinung, es sollte längst normal sein, dass Frauen sich selbstverständlich auch für technische Berufe begeistern und dass es auch die Mütter sein können, die ihren Kindern technische Dinge vermitteln. Wenn wir schon früh in den Schulen anfangen, Mädchen im MINT-Bereich zu fördern und ihre Fragen als echtes Interesse ernst zu nehmen, dann wäre ein großer Schritt geschafft. Wenn wir zu einem frühen Zeitpunkt die Motivation und das Interesse an der Technik festigen und bestärken, unabhängig von Vorurteilen, bekommen wir automatisch mehr Studentinnen, mehr Bewerberinnen und schließlich mehr Frauen, die in MINT-Berufen tätig sind. Denn aktuell fehlt es auf dem Markt einfach an Bewerberinnen.
ROBOTIK UND PRODUKTION: Was tun Sie und Ihr Unternehmen, um Frauen im Technikbereich zu fördern? Wie unterstützen Sie es, dass Frauen zunehmend auch höhere Führungspositionen erreichen?
Die Themen Diversität und Inklusion sind bei ABB in der Unternehmensstrategie fest verankert. Insbesondere der Fokus auf dem Thema Chancengleichheit ist dabei hervorzuheben. Wird eine Stelle neu besetzt, kommt es auf die Kompetenzen und die Charaktereigenschaften des Bewerbers oder der Bewerberin an und nicht auf das Geschlecht, die Hautfarbe, die Religion, die sexuelle Orientierung oder auch das Alter. Bei ABB gib es einen Open Job Market, in dem sich alle verfügbaren Stellen befinden. Der gesamte Recruiting-Prozess erfolgt ausschließlich basierend auf den Kompetenzen und Qualifikationen der Person. Der Open Job Market umfasst transparent alle Positionen bis hinauf in die höchsten Managementpositionen. Statt eines Automatismus’, der eine Person nach x Jahren in die nächste Position bringt, obliegt es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei ABB selbst, den eigenen Werdegang zu bestimmen.
Wenn wir schon in der Schule anfangen, Mädchen im MINT-Bereich zu fördern und ihre Fragen ernst zu nehmen, dann wäre ein großer Schritt geschafft.
Dana Merget, ABB
In regelmäßigen Entwicklungsgesprächen zwischen den Führungskräften sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern können diese ihre eigenen Wünsche, Ziele und Vorstellungen kommunizieren und priorisieren. Dazu noch mal ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Ich war letztes Jahr an einem Punkt, an dem ich gerne mehr internationale Erfahrung sammeln wollte und habe das in meinem Entwicklungsgespräch thematisiert. Somit hatte ich die Möglichkeit, Anfang dieses Jahres drei Monate in Shanghai zu arbeiten und unseren dortigen Servicebereich zu unterstützen. Das war eine spannende Zeit und Erfahrung, die mich noch einmal sehr geprägt hat. Hätte ich nicht gefragt, hätte ich diese Möglichkeit niemals erhalten. Last but not least haben wir bei ABB auch Mentoring-Programme, die gezielt auf Frauen zugeschnitten sind, um sie zu empowern und ihnen den Mut zu geben, sich auf Führungspositionen zu bewerben und ihre Weiterentwicklungsmöglichkeiten einzufordern. Unabhängig von den offiziellen Programmen gibt es auch die Möglichkeit, einen inoffiziellen Mentor zu wählen. So lässt sich ebenfalls das Netzwerk des Unternehmens für die eigene Weiterentwicklung nutzen.
ABB bietet Mentoring-Programme, die gezielt auf Frauen zugeschnitten sind, um ihnen den Mut zu geben, sich auf Führungspositionen zu bewerben und ihre Weiterentwicklungsmöglichkeiten einzufordern.
Dana Merget, ABB
ROBOTIK UND PRODUKTION: Was raten Sie jungen Menschen, die Ambitionen haben, einen ähnlichen Weg wie Sie einzuschlagen?
Traut euch! Das wichtigste ist es, den Mut zu haben, neue Wege zu gehen, sich auszuprobieren und sich von Stellenausschreibungen nicht einschüchtern zu lassen. Niemand erfüllt alle dort genannten Vorgaben. Neugierde und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, sind ebenfalls sehr wichtig. Aber auch Geduld und Durchhaltevermögen. Gerade im technischen Bereich findet man die Lösung häufig nicht gleich am nächsten Tag, sondern es handelt sich oft um langwierige Prozesse. Schlussendlich ist es wichtig, den eigenen Weg zu definieren und immer denjenigen einzuschlagen, der für einen selbst in der jeweiligen Situation der beste ist, unabhängig davon, was das Umfeld sagt. Es ist wichtig, für sich selbst einzustehen und durchzuziehen.
Dana Merget, ABB
Das Interview führte: Frauke Itzerott
Ressortleiterin ROBOTIK UND PRODUKTION: Hat einen Kollegen, der sich vor humanoiden Robotern fürchtet, kann ihn aber immer wieder beruhigen.















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