„Wir müssen antiquierte Rollenbilder aufbrechen“

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Bild: Lorch Schweißtechnik GmbH

Erzählen Sie uns doch einmal etwas über Ihre Position bei Lorch Schweißtechnik. Was sind Ihre Aufgaben als Leiterin der Entwicklungsabteilung für Robotik?

Dr. Ing. Caren Dripke: Ich bin dafür verantwortlich, strategische Entscheidungen im Bereich Robotik und Automatisierung für Schweißtechnologie zu treffen und deren Umsetzung zu steuern. Ich führe mit meiner Abteilung Entwicklungsprojekte durch zu den Themen, die wir in neuen Produkten umsetzen wollen. Wir sind als Team sehr breit aufgestellt, beschäftigen uns sowohl mit Hard- als auch mit Software- und Schweißprozessentwicklung oder einer Kombination davon. Das gleichzeitige Arbeiten an verschiedenen Projekten erfordert viel interne Abstimmung, sowohl teamintern als auch z.B. mit den Kolleg:innen aus dem Vertrieb, um sicherzustellen, dass wir an den richtigen, kundenorientierten Themen arbeiten. Dabei muss ich stets die Priorisierung im Blick behalten. Hinzu kommen Absprachen mit Lieferanten und Endkunden. Bei meiner Arbeit ist kein Tag wie der andere, ein Grund, warum mir mein Job so viel Spaß macht.

Inhaltlich entwickele ich gerade mit meinem Team die Cobot Welding World weiter. Vor allem im Bereich des kollaborativen Roboterschweißens wollen wir bei Lorch noch weiterkommen. Hier geht es vorrangig darum, die Roboterprogrammierung und -bedienung so einfach wie möglich zu gestalten, sodass Anwender, die sonst im Metallhandwerk oder der Schlosserei handschweißen, in die Lage versetzt werden, einen Teil ihrer Aufgaben an den Roboter abzugeben. Damit wollen wir auch dem Fach- und Arbeitskräftemangel entgegenwirken, der in der Schweißbranche besonders eklatant ist. Wir sind jeden Tag dabei, die bestehenden Funktionen Stück für Stück zu erweitern. Dabei muss immer die Modularität im Blick behalten werden, da bei uns Hard- und Software kundenindividuell zusammengestellt und bei Bedarf erweitert werden können.

Welche Fähigkeiten und Qualifikationen mussten Sie für diese Position mitbringen?

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„Andere für etwas zu begeistern, ist für mich ein entscheidender Pfeiler von Teamkultur und Leadership.“ Caren Dripke, Lorch Schweißtechnik – Bild: Lorch Schweißtechnik GmbH

Die wichtigste Qualifikation ist natürlich meine Ausbildung. Ich habe technische Kybernetik (Regelungstechnik) und Mechatronik studiert. Danach habe ich eine Promotion in den Ingenieurswissenschaften mit Fokus auf Industrierobotik, Fertigungsautomation und Werkzeugmaschinen abgeschlossen. Das ist die tech­nische Grundlage, die täglich in meinem Job zum Einsatz kommt. Darüber hinaus ist es nötig, sich auch in fremde Fachbereiche einzudenken, da ich natürlich nicht alle Themenfelder abdecken kann. Hierfür braucht es vor allem Abstraktionsvermögen. Das Spannende an der Entwicklungsarbeit ist, dass wir heute noch nicht wissen, welchen Weg wir morgen wählen, um unser Ziel zu erreichen. Und es ist meine Aufgabe, hier klare Strukturen zu entwerfen, Etappen und Meilensteine zu setzen, damit wir unsere Ziele erreichen.

Eine weitere geforderte Fähigkeit ist Entscheidungsfreudigkeit. Nicht jede Entscheidung muss im großen Kreis diskutiert oder durch wochenlange Recherchen vorbereitet werden. Wichtig ist hier, zu erkennen, was kann ich schnell aus dem Bauch heraus entscheiden und was braucht eine längere Zeit der Abwägung. Das erfordert Fingerspitzengefühl.

Am meisten macht mir an meinem Job Spaß, dass wir uns täglich mit ganz neuen Ideen beschäftigen. Dafür kann ich mich sehr begeistern. Vor allem freut mich, wenn es mir gelingt, mein Team mit dieser Begeisterung anzustecken. Andere für etwas zu begeistern, ist für mich ein entscheidender Pfeiler von Teamkultur und Leadership. Führung be­deutet für mich nicht, Anweisungen zu geben, sondern gemeinsam zu klären, wie ich den- oder diejenige bei seiner oder ihrer Aufgabe unterstützen kann.

Welche Herausforderungen mussten Sie auf dem Weg in diese Position meistern?

Technische Herausforderungen gab es viele, aber darüber hinaus gibt es eine Besonderheit, die viele junge Frauen betrifft. Die Schwierigkeit überzeugt zu sein, dass man sich mit einem technischen Studium an der richtigen Position befindet, und dies nicht infrage zu stellen. Denn nicht jede junge Frau, die diese Entscheidung trifft, bringt von Haus aus einen technischen Backround mit. Ich habe z.B. nicht bereits vor dem Studium hobbymäßig programmiert, hatte keinen Technikbaukasten als Kind und habe nicht als Jugendliche an meinem Moped geschraubt. Und trotzdem habe ich großes technisches Interesse. Im Studium kamen mir Zweifel, da viele um mich herum bereits Hobbys aus dem technischen Bereich hatten und sich seit Jahren damit beschäftigten. Es erforderte volle Überzeugung, dass mein Interesse am Thema auch ohne Hobbyerfahrung genug ist, um meinen Weg trotzdem weiterzugehen.

Dann ist man in vielen Momenten die einzige Frau im Raum. Das ging bei mir im Leistungskurs Physik los, in der Schüler-Ingenieur-Akademie, immer wieder auch im Studium und später bei der Promotion. Und auch heute noch ist es häufig so, dass ich z.B. auf Robotik-Verbandstreffen die einzige Frau in einem Teams- oder physischen Raum bin. Das ist schade und ich bin überzeugt, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird. Die Rolle als einzige Frau bringt aber eigene Herausforderungen mit sich.

Was glauben Sie, warum Positionen wie die Ihre immer noch selten mit Frauen besetzt sind?

Fehlende weibliche Vorbilder sind ein wichtiger Grund. Ein anderer sind fest in der Gesellschaft verankerte antiquierte Rollenbilder, die wir aufbrechen müssen. Vor allem in konservativen Branche ist es immer noch so, dass es eine Weile dauert, bis man als kompetente Frau wahrgenommen wird. Oft habe ich das Gefühl, dass Frauen zunächst beweisen müssen, was sie können. Manchmal braucht es erst die Visitenkarte oder den Titel, um die eigene Kompetenz nachzuweisen. Gegen diese Infragestellung muss man als Frau ankämpfen können. Das fängt schon in der Kindheit an. Von den vier Enkelinnen meiner Großeltern sind inzwischen drei Ingenieurinnen. Und das liegt in meinen Augen auch daran, dass wir als Mädchen, die sich für Technik begeistern, nie infrage gestellt wurden.

"Oft muss man als 
Frau immer noch 
beweisen, was man kann."

Caren Dripke
Lorch Schweißtechnik
„Oft muss man als Frau immer noch beweisen, was man kann.“ Caren Dripke, Lorch Schweißtechnik – Bild: Lorch Schweißtechnik GmbH

Was tun Sie und Ihr Unternehmen, um Frauen im Technikbereich zu fördern? Wie unterstützen Sie es, dass Frauen zunehmend auch höhere Führungspositionen erreichen?

Eine tolle Initiative ist der Girls’ Day. Das ist eine schöne Möglichkeit für Mädchen, sich selbst zu beweisen, dass sie das nötige technische Verständnis haben. Als meine Aufgabe sehe ich es, Sichtbarkeit zu schaffen und dieses Interesse in einen möglichen Karriereweg zu leiten. Ich bin auch schon als Mentorin für junge Frauen aufgetreten. Ich erinnere mich sehr positiv an meine eigenen Mentoring-Beziehungen zurück. Sie haben mir sehr gut getan und mir den nötigen Rückhalt gegeben, mich weiterzuentwickeln. Diese positive Erfahrung möchte ich gerne weitergeben.

Bei Lorch haben wir außerdem ein sehr unterstützendes Umfeld, in dem niemand aufgrund seines Geschlechts infrage gestellt wird. Dennoch ist es nötig, für dieses Thema Awareness zu schaffen. Denn es gibt immer noch viele strukturelle Gründe dafür, dass junge Menschen nicht in die Positionen kommen, die sie sich vorstellen.

Was raten Sie jungen Menschen, die Ambitionen haben, einen ähnlichen Weg wie Sie einzuschlagen?

Man darf sich geeignete Vorbilder aktiv suchen. In vielen Fällen ist es möglich, eine/n potenzielle/n Mentor:in einfach anzufragen. Oder man folgt den richtigen Menschen auf Social Media. Es gibt mittlerweile viele Plattformen, um die Person zu finden, die einen inspiriert. Junge Menschen sollten außerdem den Mut haben, auch komplexere Themen anzugehen. Macht mit Begeisterung das, was euch interessiert!