
Autonomous Versatile Robotics bezeichnet eine neue Generation – was genau meint ABB Robotics damit? Inwiefern sind die gemeinten Roboter autonom und vielseitig?
Andrea Cassoni: Autonomous Versatile Robotics (AVR) steht für ABB Robotics‘ Vision einer neuen Ära der industriellen Automatisierung – einer Ära, in der Roboter echte Autonomie mit einer bislang unerreichten Vielseitigkeit verbinden. In den vergangenen zehn Jahren haben wir Robotern Augen durch KI-gestützte 3D-Vision-Technik, Hände durch fortschrittliche Kraftsensorik und präzise Steuerung sowie Mobilität durch autonome Navigation verliehen. Dank der jüngsten Durchbrüche in der generativen KI geben wir ihnen nun auch ein Gehirn – die Fähigkeit zu problemlösender Intelligenz und zum Verständnis natürlicher Sprache.
Unser Ziel ist es, Roboter zu entwickeln, die gesprochene Anweisungen verstehen, eine Vielzahl von Aufgaben ohne zusätzliche Programmierung planen und ausführen und sich dynamisch an veränderte Umgebungen anpassen können. Das bedeutet: mehr Aufgaben, an mehr Orten, schneller, sicherer und intelligenter – ganz ohne Spezialwissen oder komplexe Infrastruktur.
Martin Kullmann: AVR ist nicht nur ein Konzept, sondern basiert auf realen Innovationen und stützt sich auf sechs zentrale Fähigkeiten:
1. Mensch/Roboter-Interaktion: No-Code-Programmierung, Lead-Through- und Speak-Through-Training für intuitive Bedienung.
2. Sensorik und Wahrnehmung: KI-gestützte Bildverarbeitung, Machine Learning und Kraftsensorik für kontextbezogene Wahrnehmung.
3. Autonomes Denken: Dynamische Umleitung und Hindernisvermeidung für unterbrechungsfreie Arbeitsabläufe.
4. Bewegungssteuerung: Kollisionsfreie Bahnplanung für Präzision und Sicherheit.
5. Navigation: Marktführende Visual-Slam-Technologie für präzise, autonome Mobilität.
6. Geschicklichkeit: Flexibles Handling unterschiedlicher Objekte für Multitasking in komplexen Umgebungen.
Durch die Verbindung all dieser Fähigkeiten definiert ABB Robotics neu, wozu Roboter in der Lage sind – weg von starren Abläufen hin zu einer Zukunft, in der Roboter lernen, sich anpassen und nahtlos mit Menschen zusammenarbeiten. Genau das ist der Kern von Autonomous Versatile Robotics: Unternehmen mehr Produktivität und Flexibilität zu ermöglichen und gleichzeitig neue Chancen in unterschiedlichen Branchen zu eröffnen – von Logistik und Fertigung bis hin zu Gesundheitswesen und Life Sciences.
Welche Gründe haben ABB dazu bewogen, die Kampagne zu starten?
Cassoni: Autonomous Versatile Robotics ist eigentlich keine Kampagne im klassischen Sinne – es zeigt vielmehr, wie wir als Robotikunternehmen bereits heute arbeiten und wohin wir uns weiterentwickeln. ABB hat AVR eingeführt, weil wir einen grundlegenden Wandel in den Kundenbedürfnissen und in der gesamten industriellen Landschaft beobachten. Wir haben die Chance erkannt, Robotik neu zu denken, indem drei zentrale Technologietrends zusammengeführt wurden: Autonomie, Vielseitigkeit und Generative KI. Sie ermöglichen es Robotern, mehr Aufgaben zu übernehmen, in mehr Umgebungen zu arbeiten und dies mit deutlich weniger menschlichem Eingreifen zu tun.
Es gibt einige entscheidende Entwicklungen, die all dies gerade jetzt möglich machen. Erstens haben Fortschritte in der generativen KI Robotern ein völlig neues Verständnis verliehen. Anstatt Schritt für Schritt programmiert zu werden, können Roboter heute gesprochene Anweisungen verstehen, Absichten interpretieren und eigene Aufgabenpläne erstellen. Damit bewegen wir uns weg von klassischer Programmierung hin zu echter, problemlösender Intelligenz. Zweitens spielt Mobilität eine zentrale Rolle. Immer mehr Roboter sind bereits mobil, und in Kombination mit 3D-Vision, Sensoren und KI-gestützten Bildverarbeitungsmodellen erhalten sie ein deutlich umfassenderes Echtzeitverständnis ihrer Umgebung. Sie können Karten ihrer Umgebung erstellen und teilen sowie autonom und sicher Seite an Seite mit Menschen arbeiten. Innovative Leichtbauweise & höchste Präzision: Der MPS 035L bietet flexibles Design, maximale Modularität und bis zu 500.000 Wechselzyklen. Perfekt für Maschinenbau, Kunststoffindustrie & Automation. Heben Sie Ihre Produktivität auf ein neues Niveau! ‣ weiterlesen
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Und schließlich die Geschicklichkeit. Durch das Hinzufügen von Augen, Armen und Händen zu mobilen Plattformen werden Roboter deutlich vielseitiger. KI ermöglicht neue Dimensionen von Präzision und Anpassungsfähigkeit und versetzt Roboter in die Lage, Objekte zu erkennen und zu handhaben, die sie noch nie zuvor gesehen haben. In ihrer Gesamtheit sind es genau diese Entwicklungen, die ABB dazu bewogen haben, Autonomous Versatile Robotics ins Leben zu rufen. Damit reagieren wir auf den Wandel der Arbeitswelt – und zeigen, wie Roboter Menschen in dynamischen, realen Umgebungen tatsächlich unterstützen können. Mit der Einführung von AVR markiert ABB Robotics den Beginn einer neuen Ära, in der Roboter nicht mehr nur Werkzeuge sind, sondern intelligente Partner, die Unternehmen zu mehr Geschwindigkeit, Sicherheit und Skalierbarkeit verhelfen.
Letztes Jahr wurde eine neue Cobot-Serie zunächst in China eingeführt. Was waren die strategischen Überlegungen hinter diesem primären Markteintritt?
Cassoni: China war der logische Startmarkt für unsere neue Cobot-Serie – als weltweit größter Robotikmarkt mit mehr als 50 Prozent aller globalen Roboterinstallationen. Strategisch gesehen entwickeln sich dort die Kundenanforderungen am schnellsten – sichtbar durch rasante technologische Fortschritte und eine starke Nachfrage nach Geschwindigkeit, Flexibilität und Benutzerfreundlichkeit. ABB verfügt bereits über eine solide lokale Basis, darunter unsere hochmoderne Robotikmegafabrik in Shanghai sowie eine fest etablierte lokale Lieferkette. Der Marktstart in China ermöglichte es uns, die Cobot-Serie in unmittelbarer Nähe unserer chinesischen Kunden zu entwickeln und zu skalieren und gleichzeitig effektiv auf den Wettbewerb durch lokale Hersteller zu reagieren. Der frühe Start in China erlaubte es ABB zudem, eng mit lokalen Kunden zusammenzuarbeiten, Feedback zu sammeln und Lösungen für Produktionsumgebungen mit hohem Volumen und hoher Variantenvielfalt gezielt weiterzuentwickeln. Diese Local-for-Local-Strategie stellt sicher, dass wir weltweit bewährte Technologie liefern, die an regionale Anforderungen angepasst ist – ein Modell, das wir anschließend erfolgreich auf andere Märkte, einschließlich Europa, übertragen können.
Welche Learnings aus dem chinesischen Launch fließen in den Markteintritt in der DACH-Region ein, der für dieses Jahr geplant ist?
Cassoni: Einer der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Marktstart in China ist, wie entscheidend es ist, Produktionsskalierung und lokale Relevanz miteinander in Einklang zu bringen. Wir müssen in großen Stückzahlen produzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben, gleichzeitig aber sicherstellen, dass wir die Erwartungen der lokalen Kunden sowie die regulatorischen Anforderungen vollständig erfüllen.
Wir haben gelernt, dass sich Kundenbedürfnisse je nach Region deutlich unterscheiden können. Einige Funktionen oder technische Angaben, die in China nicht erforderlich sind, sind in Europa – einschließlich der DACH-Region – verpflichtend. Während wir uns hier auf den Markteintritt vorbereiten, stellen wir sicher, dass diese Anforderungen von Anfang an berücksichtigt werden. Zudem binden wir unsere Kunden bereits in einer frühen Phase ein, um sicherzustellen, dass die Anforderungen der lokalen Märkte ihren Erwartungen entsprechen.
Kullmann: Gleichzeitig wenden wir denselben Ansatz für kundenspezifische Anpassungen an. In manchen Fällen sind Funktionen, die in Europa Standard sind, in China optional – und diese Flexibilität ist bewusst so gestaltet. Insgesamt hat uns der Marktstart in China gezeigt, wie man Produktion skalieren kann, ohne die Fähigkeit zu verlieren, Lösungen individuell anzupassen. Dieses Local-for-Local-Denken prägt nun unseren Ansatz für den DACH-Markt und stellt sicher, dass wir ein Cobot-Portfolio liefern, das sowohl global wettbewerbsfähig als auch lokal ausgerichtet ist.
Welche Use Cases erwarten Sie für den Rollout der neuen Cobots in der DACH-Region?
Kullmann: In der DACH-Region sehen wir eine stark wachsende Nachfrage nach Robotern für kollaborative Applikationen. Gleichzeitig wissen wir, dass nur ein sehr kleiner Teil dieser Cobots tatsächlich in echten MRK-Anwendungen genutzt wird. Unsere Kunden aus der Automobilindustrie, den Tier1-Zulieferern und der allgemeinen Industrie schätzen insbesondere die kompakte Bauweise, die flexible Einsatzmöglichkeit und die schnelle Inbetriebnahme der Geräte. Der tatsächliche Grad der Mensch/Roboter-Kollaboration ergibt sich dabei immer aus der jeweiligen Anwendung. Das hybride Greifsystem E-Gripper Wheel basiert auf Know-how aus über 200 installierten Anwendungen des international tätigen Anlagenbauers Eisenmann. ‣ weiterlesen
SMART & SMOOTH: Präzises Räderhandling
Daher suchen viele Kunden inzwischen auch im Cobot-Segment nach höheren Traglasten und schnelleren Geschwindigkeiten – die Grenzen zwischen klassischen Industrierobotern und Cobots verschwimmen zunehmend. Genau hier setzt unsere neue Cobot-Familie an. Sie vereint die Stärken eines klassischen Industrieroboters mit den Vorteilen eines Cobots: hohe Traglasten, kompakte Bauformen, einfache Inbetriebnahme und schnelle Taktzeiten. Damit können wir für jede Anwendung – von hohen Geschwindigkeiten bis zu sensitiven MRK-Lösungen – das passende System anbieten.
Die neue Roboterfamilie wird daher vor allem in den Bereichen Material-Handling, Palettieren, Maschinenbeladung und Schweißen eingesetzt werden. Unser GoFa-Cobot hingegen bleibt die passende Wahl für Laborumgebungen sowie hochpräzise oder kraftgeregelte Anwendungen wie Polieren.
Was war der zentrale Innovationssprung bei der Entwicklung der neuen Cobot-Serie?
Cassoni: Die entscheidende Innovation bestand darin, die einfache Handhabung kollaborativer Robotik mit echter Industrieperformance zu verbinden. Die neue Cobot-Serie erreicht höhere Geschwindigkeiten und Traglasten bis 30kg und erschließt damit eine völlig neue Klasse anspruchsvoller Anwendungen für kollaborative Roboter. Im Vergleich zu den meisten verfügbaren Cobot-Optionen auf dem Markt bietet die neue Familie eine leistungsstarke und vielseitige Schnittstelle, die die gleichzeitige Anbindung von Greifern und Bildverarbeitungssystemen ermöglicht. Dadurch wird ein Plug&Play-Setup mit höherer verfügbarer Leistung realisiert, was die Inbetriebnahme schneller und robuster für industrielle Umgebungen macht. Die Hardware wird durch einen leistungsfähigen Software-Stack ergänzt, darunter ABBs RobotStudio für Offline-Programmierung und Simulation sowie KI-gestützte Software für Bildverarbeitung, Inspektion und adaptive Bewegungssteuerung. In Kombination mit intuitiver No-Code-Programmierung und fortschrittlichen Sicherheitskonzepten können Kunden Automatisierung schnell einführen, anpassen und skalieren.
Wie schlägt sich die Positionierung autonomous und versatile konkret in der neuen Serie nieder? Welche Funktionen verkörpern diese Versprechen?
Cassoni: Die Positionierung von autonomer und vielseitiger Robotik spiegelt sich sowohl in der Hardware als auch – noch wichtiger – in der Plattform hinter der neuen Cobot-Serie wider. Im Zentrum steht OmniCore, ABBs einheitliche Steuerungsplattform. OmniCore ermöglicht es uns, denselben leistungsstarken Software-Stack über verschiedene Robotertypen hinweg zu nutzen. Dadurch profitieren Kunden von einer branchenführenden Bewegungssteuerung mit hoher Geschwindigkeit und Präzision – kombiniert mit skalierbarer, vereinfachter Integration und großer Flexibilität für unterschiedlichste Anwendungen.

Kullmann: Die Autonomie wird durch die auf OmniCore aufbauenden KI-Funktionen ermöglicht. Dazu gehören KI-gestützte Bildverarbeitung, Bewegungssteuerung und Entscheidungsfindung, die es dem Roboter erlauben, seine Umgebung wahrzunehmen, sich an Veränderungen anzupassen und Aufgaben mit geringer manueller Programmierung auszuführen. Die Kompatibilität mit Lösungen wie EyeMotion verstärkt dies zusätzlich und ermöglicht visuell geführtes Greifen sowie dynamisches Handling in realen, unstrukturierten Umgebungen. Der Cobot selbst ist ein starkes Beispiel für Autonomous Versatile Robotics. Er ist von Grund auf flexibel und vielseitig konzipiert und kann eine breite Palette von Anwendungen, Werkzeugen und Traglasten bewältigen – und bleibt dabei einfach zu installieren und zu bedienen. Schließlich sorgt die nahtlose Integration zwischen unseren Cobots und den Lösungen unserer Ökosystempartner für Benutzerfreundlichkeit, schnelle Inbetriebnahme und langfristige Flexibilität. Zusammen erfüllen diese Fähigkeiten das Versprechen echter Vielseitigkeit.
Wie fügt sich diese Serie in ABBs längerfristige Vision für eine autonome Fertigung ein?
Cassoni: Die neue Cobot-Serie bildet einen zentralen Baustein in der langfristigen Vision von ABB Robotics für eine autonome Fertigung. Unser Anspruch ist es, über traditionelle, vorprogrammierte Automatisierung hinauszugehen – hin zu Systemen, die lernen, sich anpassen und intelligent mit Menschen sowie anderen Maschinen zusammenarbeiten. Durch die Kombination von industrieller Geschwindigkeit und Leistung mit kollaborativer Sicherheit, No-Code-Programmierung und Plug&Play-Konnektivität reduziert die Serie die Abhängigkeit von Spezialwissen erheblich. Gleichzeitig können Produktionssysteme bei sich ändernden Anforderungen schnell neu konfiguriert und eingesetzt werden. In ABBs umfassendes Software und Hardware-Ökosystem integriert vereinfacht die Serie die Implementierung und beschleunigt die Integration. Kunden können Automatisierung schneller und mit weniger Aufwand einführen und ihre Leistung kontinuierlich durch Daten und KI verbessern.
Wie fügt sich die neue Cobot-Serie in ABBs gesamtes Automationsportfolio ein?
Kullmann: Unsere neue Cobot-Serie stärkt ABBs Automatisierungsportfolio, indem sie unser Angebot an kollaborativen Robotern erweitert und gleichzeitig eine einheitliche Plattform beibehält. Dadurch können wir ein noch breiteres Spektrum an Kundenanforderungen bedienen, von hochdynamischen Industrieanwendungen bis hin zu fortschrittlichen, intuitiven Lösungen, und bieten hohe Flexibilität und Auswahl innerhalb eines umfassenden Produktportfolios.
Welche Erwartungen haben Sie an das erste Jahr nach dem Launch?
Cassoni: Wir erwarten, dass sich die neue Cobot-Familie bereits im ersten Jahr als Maßstab für kollaborative Robotik mit industrieller Leistungsfähigkeit etabliert. Mit diesem Produktlaunch bieten wir erstmals einen kollaborativen Roboter an, der einem Industrieroboter in Bezug auf Geschwindigkeit und Performance so nahekommt wie nie zuvor – und damit viele Kundenanforderungen erfüllt. Unser Fokus liegt auf einer starken Einführung in verschiedenen Branchen, darunter u.a. Automobilindustrie, Logistik und Fertigung, für ein breites Spektrum an Anwendungen. Erfolg bedeutet für uns, die Vielseitigkeit, den kompakten Footprint und die No-Code-Benutzerfreundlichkeit dieses Cobots unter Beweis zu stellen, Partnerschaften mit lokalen Integratoren auszubauen und seine Rolle im ABB-Software-Ökosystem weiter zu stärken. Damit legen wir das Fundament für eine autonome, flexible Fertigung der Zukunft.
















