„Wir bringen eine spannende Referenzliste mit“

ROBOTIK UND PRODUKTION: Estun zählt hierzulande noch nicht zu den großen Robotermarken. Als Geschäftsführer für Deutschland und Europa sind Sie angetreten, das zu ändern. Was charakterisiert das Unternehmen als Hersteller von Industrierobotern, Herr Mies?

Gerald Mies ist für den Aufbau des Estun-Robotergeschäfts in Deutschland und Europa verantwortlich.
Gerald Mies ist für den Aufbau des Estun-Robotergeschäfts in Deutschland und Europa verantwortlich.Bild: Estun Robotics Europe AG

Gerald Mies: Estun wurde 1993 gegründet und hat den Ursprung in der Blechbearbeitung, genauer gesagt in der Automation von Abkantpressen. Schon früh setzte man dabei auf eigene Automatisierungsprodukte wie CNC-Steuerungen oder Servomotoren. Initiiert durch die Übernahme des englischen Drives-Anbieter Trio ist Estun seit 2017 auch außerhalb Chinas aktiv. Weitere strategische Akquisitionen folgten in Deutschland z.B. 2018 und 2019 mit den Firmen MAI und Cloos. In die Robotik ist Estun erst 2011 eingestiegen, hat heute aber bereits über 80 verschiedene Kinematiken im Programm – von klassischen Sechsachsern über Scaras bis zu Cobots. Mit dieser Palette sind wir im weltweiten Anbietervergleich ganz vorne dabei. Auch die Stückzahlen haben sich rasant entwickelt. 2021, zehn Jahre nach dem Start in die Robotik, wurden bereits 10.000 Kinematiken in den Markt gebracht, 2024 erstmals die 30.000er-Marke geknackt. Mitterweile liegt die Produktionskapazität sogar bei 50.000 Kinematiken pro Jahr. Wenn man bedenkt, dass der nächst größere Wettbewerber aus China noch unter der 10.000er-Grenze liegt, zeigt sich die Marktrelevanz von Estun sehr gut.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Wie viele der 30.000 Roboter von 2024 wurden denn bereits außerhalb Chinas verkauft?

Ehrlich gesagt geht es vermutlich nur um ein paar hundert Kinematiken, die über Händler gekauft und dann exportiert wurden. Die erste ausländische Niederlassung, für die ich verantwortlich bin, wurde erst im vergangenen Jahr in der Schweiz gegründet. Seitdem fahren wir Organisation, Sales und Service hoch – als Grundvoraussetzung, um nachhaltig und in einer dem Selbstverständnis entsprechenden Größenordnung in Europa Fuß zu fassen.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Wie stark ist Estun denn auf dem Heimatmarkt im Bereich Robotik?

Wie gesagt ist Estun der mit Abstand größte Roboterhersteller in China. Unter anderem im dortigen Automobilbau sind unsere Roboter weit verbreitet, und so sehen wir die Bemühungen der chinesischen Autohersteller, in Europa auch Fertigungskapazität aufzubauen, als tolle Chance.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Ist der Preis ihr Fuß in der Tür des europäischen Marktes?

Auch wenn der Name Estun einem großen Teil der hiesigen Maschinenbauer durch ihre Aktivitäten in China bereits ein Begriff ist, hat natürlich niemand auf einen weiteren Roboteranbieter im eng besetzten europäischen Markt gewartet. Doch im Sinne möglichst effizienter Gesamtlösungen spielt der Preis natürlich eine Rolle. In China kosten Roboter rund 20 Prozent weniger als in Europa. Das gilt nicht nur für chinesische Fabrikate, sondern auch für die großen Namen aus den westlichen Ländern. Doch im Gegensatz zu diesen kann Estun den Preisvorteil auch in Europa ausspielen – was allerdings nicht unser einziger Trumpf ist.

Estun 50 KG Scara
Bild: Estun Robotics Europe AG

ROBOTIK UND PRODUKTION: Wie meinen Sie das?

Ein weiteres gewichtiges Argument liefert Estun, wenn man den Hype betrachtet, den es aktuell in der weltweiten Batteriefertigung gibt. Denn in China sind unsere Roboter in diesem Marktsegment unglaublich gut etabliert. Entsprechend haben wir eine Menge Erfahrung gesammelt und darauf aufbauend sogar speziell angepasste Kinematiken entwickelt – etwa einen 70kg-Scara für den Einsatz in der Modulmontage und in Packanlagen. Estun bringt also eine spannende Referenzliste nach Europa mit. Ähnlich verhält es sich in anderen Technologiebereichen, wie der Elektronikfertigung. Ein weiterer Vorteil ist: Als vergleichsweise junger Anbieter schleppt Estun keine technischen Altlasten mit sich herum. Sprich: Die Eigenschaften und die Bedienung der Roboter wurden von Beginn an auf die modernen Anforderungen und Applikationen ausgelegt. Erfahrene Programmierer kommen in kürzester Zeit mit einem Estun-Roboter klar und auch Einsteiger finden sich recht schnell zurecht.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Wie sieht die Roadmap von Estun für den europäischen Markt konkret aus?

Wir haben uns eigentlich ein recht moderates Ziel gesteckt: fünf bis zehn Prozent Marktanteil in drei bis fünf Jahren. Den Start wollten wir demnach eher mit überschaubaren Stückzahlen im zweistelligen Bereich pro Auftrag machen. Jetzt kann es aber durchaus sein, dass es für uns deutlich schneller voran geht. Denn mit den ersten Nachrichten, dass Estun in Europa aktiv werden will, hat sich auf Anwenderseite eine hohe Eigendynamik entwickelt, die nach größeren Dimensionen klingt. So haben etwa die großen Tier1-Unternehmen hohes Interesse. Schließlich stehen sie unter einem enormen Kostendruck und sind zwingend auf Roboterlösungen angewiesen, die nicht nur sehr zuverlässig, sondern auch sehr wirtschaftlich sind. Folglich haben wir bei einigen dieser Kunden auch schon Test-Modelle installiert.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Können Estun-Roboter trotz des günstigeren Preises auch bei Faktoren wie Geschwindigkeit, Präzision und Lebensdauer mithalten?

Auf jeden Fall. Mit Blick auf Dynamik oder Effizienz spielen wir in der gleichen Liga, wie die anderen großen Robotermarken. Ansonsten hätten Sie sich in chinesischen Highend-Märkten wie Karosseriebau, Batteriefertigung oder Elektronikproduktion nicht gegen den Wettbewerb aus dem Westen behaupten können. Auch bei der Qualität kann sich Estun keine Abstriche oder Kompromisse erlauben. Schließlich sind die Kosten bei Anlagenausfällen überall auf der Welt sofort immens hoch.

Estun Press linking robot2
Bild: Estun Robotics Europe AG

ROBOTIK UND PRODUKTION: Wie steht es um die eigene Wertschöpfung bei der Fertigung ihrer Roboter?

Sie ist ausgesprochen hoch. Getriebe kaufen wir in der Regel bei den einschlägigen, marktführenden Lieferanten zu. Der Rest der Antriebstechnik und auch die komplette Steuerungstechnik stammen aus dem eigenen Portfolio – und noch so einiges mehr: In Summe sind es weit über 80 Prozent der Teile. Diese Wertschöpfungstiefe kann Estun durch das große Entwicklungsteam von rund 1.200 Mitarbeitern gewährleisten. Das entspricht rund einem Drittel der kompletten Belegschaft. Das Tempo, mit der die Robotik voran getrieben wird, ist also immens. Unser Engagement im Rahmen von strategischen Partnerschaften beschleunigt die Entwicklungsgeschwindigkeit nochmals. Während es bislang Jahre dauerte, um ein neues Robotermodell auf den Markt zu bringen, rechnet Estun eher in Monaten. Demgemäß rechne ich damit, dass wir künftig viele Bereiche besetzen, in denen sich der Einsatz von Robotern bislang nicht etablieren konnte. Ein gutes Beispiel findet sich in unserer eigenen Montage.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Inwiefern?

Der dortige Automatisierungsgrad ist in Summe deutlich höher, als es bei den anderen großen Roboterherstellern der Fall ist. Das beginnt in der Zerspanung: Estun verfügt über zwei große Fastems-Automationslinien, auf denen alle Rohteile gefertigt werden. Weiter geht es im Assemly-Bereich, wo die ersten beiden Achsen aller Roboter vollautomatisch montiert werden. Bei den hochvolumigen Modellen, z.B. für den Automobilbau, die Maschinenbeschickung oder Palettieraufgaben, geht es hochautomatisiert weiter, bis sie letztlich zu fertigen Kinematiken zusammengesetzt sind.

ROBOTIK UND PRODUKTION: In einer Vielzahl an modernen Roboteranwendungen sind heute auch Vision-Lösungen erforderlich.

Richtig, ohne Bildverarbeitung ist es in vielen Fällen kaum noch möglich, Automation effizient umzusetzen. Und selbst, wenn es nicht nötig ist, wird die Kompetenz auf Kundenseite erwartet. Entsprechend hat Estun eine moderne Bildverarbeitungslösung für 2D- und 3D-Anwendungen im Portfolio. Um den Umfang an smarten Algorithmen permanent zu erweitern, gibt es eine eigene KI-Abteilung bei Estun. Sie entwickelt pragmatische Lösungen, die bisweilen deutlich zuverlässiger und effizienter sind als typische Bin-Picking-Ansätze.

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Bild: Estun Robotics Europe AG

ROBOTIK UND PRODUKTION: Sie hatten eben schon die Batteriefertigung angesprochen. In welchen anderen Marksegmenten ist Estun besonders stark?

Eine wichtige Domäne, in der sich Estun selbst als Weltmarktführer sieht, ist die Automatisierung von Biegepressen. Hier haben wir durch eine Kooperation mit der Firma Delem, die bis in die Anfänge des Unternehmens zurückreicht, schon Tausende von Anwendungen realisiert. Heute bietet Estun ein abgestimmtes Komplettpaket inklusive Offline-Programierung an – mit einer außergewöhnlichen Roboterkinematik, die speziell auf diesen Einsatz ausgelegt ist. In China arbeiten wir auch schon mit allen namhaften Pressenherstellern zusammen. Unser Komplettpaket ist aufgrund der einzigartigen Roboter sowie der tiefen Integration aber natürlich auch für Maschinenbauer außerhalb von China hochinteressant. Deshalb gehe ich davon aus, das Estun damit in Europa sehr erfolgreich wird.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Was wird Estun auf der diesjährigen Automatica zeigen?

Die Automatica wird für Estun der erste große Auftritt in Europa. Deswegen liegt unser Fokus dort ganz bewusst auf unserem breiten Robotikportfolio. Um den Besuchern die komplette Dimension vor Augen zu führen, präsentieren wir viele unterschiedliche Kinematiken, deren besondere Features und Stärken sowie unsere intuitive Programmierung. Jede Roboterfamilie von Estun soll auf dem Stand vertreten sein. Auf den nächsten Messen wird es dann sicherlich mehr um Applikationen und Lösungen gehen.

ROBOTIK UND PRODUKTION: Abschließend: An welche Branche geht der erste in Europa verkaufte Estun-Roboter, Herr Mies?

Mein Tipp ist ganz klar: in den Bereich der Be- und Entladung von Maschinen. Denn gerade dort ist der Kostendruck für die hiesigen Automatisierer extrem hoch. So können Estun-Roboter den Preisvorteil par Excellence ausspielen – es sind quasi die Low hanging fruits für uns. Mit Blick auf den hochvolumigen Bereich wird wohl ein Tier1-Kunde der erste Serienanwender, weil diese Firmen Estun in der Regel schon aus China kennen.

Das Interview führte: Mathis Bayerdorfer
Chefredakteur ROBOTIK UND PRODUKTION. Egal wie gut es sich im Text versteckt: Kein doppeltes Leerzeichen ist vor ihm sicher.