Von der Fabrik ins Feld

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Davegi ist der erste vollautomatisierte Roboter, der das Gemüse direkt vom Feld zum Verbraucher bringt. Er übernimmt den kompletten Prozess: Pflanzen kultivieren, überwachen, ernten und vor Ort in Kisten verpacken, alles in einem einzigen, geschlossenen Kreislauf. – Bild: ©Jannick Kruhl / Igus SE & Co. KG

Schon als Kind stellte Dr. Josef Franko sich die Frage: „Warum müssen wir in der Landwirtschaft so viel Zeit und Energie in Prozesse investieren, die Maschinen übernehmen könnten?“ Mit diesen Gedanken im Kopf startete Franko sein Maschinenbaustudium an der FH in Aachen und arbeitete dort bereits früh an Projekten für die Automatisierung der Landwirtschaft. Seine Faszination für Technik wurde zur Grundlage einer Vision, die heute Realität wird. Dr. Josef Franko, Gründer von AI.Land, verfolgt das Ziel, die Landwirtschaft durch intelligente Technologien effizienter, nachhaltiger und fairer zu gestalten. Seine persönliche Geschichte – vom Hofkind über das Maschinenbaustudium bis hin zur Promotion – prägt die DNA seines Unternehmens. Am 11. November 2020 gründete er AI.Land in Krefeld auf dem Hof seiner Eltern, mitten in der Pandemie, als Zeichen für einen Wendepunkt: den Beginn einer neuen Ära im Gemüseanbau. Heute arbeiten mehr als 34 Fachkräfte aus verschiedenen Disziplinen mit Franko zusammen, Ingenieurinnen und Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler.

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Ein Davegi-Roboter kann jährlich zwischen 8.000 und 10.000 ­Gemüseboxen produzieren. – Bild: Igus SE & Co. KG

Robotisierung und künstliche Intelligenz in der Landwirtschaft

Mit dem Projekt Davegi entwickelt AI.Land ein System, das den gesamten Prozess – Pflanzen, Pflege, Ernte und Verpackung – automatisiert und das Gemüse direkt vom Feld auf den Tisch des Endverbrauchers bringt. Herzstück ist ein Traversensystem, das sich über die Felder bewegt und zwei Schlitten trägt. Der erste Schlitten ist ein Torso mit zwei Armen und Händen, der jede Pflanze individuell pflegt, Unkraut entfernt und Schädlinge bekämpft. Der zweite Schlitten übernimmt Aussaat, Bewässerung und Bodenbearbeitung. Ein 25m langes System kultiviert bis zu 25.000 Pflanzen parallel und ermöglicht drei bis vier Anbauzyklen pro Jahr. Ein einzelner Roboter kann jährlich zwischen 8.000 und 10.000 Gemüseboxen produzieren, das entspricht etwa 100 Boxen pro Tag. Das Ziel ist klar: Gemüse direkt auf dem Feld verarbeiten und ohne Zwischenhändler zum Verbraucher bringen. Damit entfallen Transportkosten, Kühlketten und Margen für Großhändler, ein ökonomischer und ökologischer Quantensprung, der die Wertschöpfungskette radikal verkürzt.

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Für eine kostengünstige Lösung setzt AI.Land auf ReBeL-Cobot-Arme von Igus. Sie bestehen aus Hochleistungskunststoffen und sind so kostengünstig und einfach zu warten. – Bild: ©Jannick Kruhl / Igus SE & Co. KG

Warum kostengünstige Automatisierung entscheidend ist

Automatisierung in der Landwirtschaft war lange teuer und komplex. Hochpreisige Industrieroboter sind für kleine und mittlere Betriebe kaum erschwinglich. Franko wollte das ändern. Er setzt auf Roboter, die Landwirte nicht nur kaufen, sondern auch selbst warten können. Die Komponenten müssen robust und leicht reparierbar sein, Systeme flexibel genug, um sich an unterschiedliche Kulturen und Aufgaben anzupassen. Ein Robotersystem amortisiert sich bereits nach etwa einem halben Jahr. Hier kommt Igus ins Spiel. Die Zusammenarbeit mit dem Kölner Unternehmen ermöglicht den Einsatz von ReBeL-Cobots, die diese Anforderungen erfüllen und Automatisierung für alle zugänglich machen.

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Bild: ©Jannick Kruhl / Igus SE & Co. KG

Lowcost-Cobot als Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit

Die zwei ReBeL-Cobots sind das Herzstück der Automatisierung im Davegi-System. Sie sind leicht, kompakt und kostengünstig. Sie verfügen über ein Gewicht von nur 8kg. Ihre wartungsfreien Hochleistungskunststoffe machen sie besonders einfach zu installieren und zu betreiben. Kunststoff ersetzt geschmierte metallische Bauteile und ist resistent gegen Verschleiß durch Erde und Sand. Die Roboterarme erreichen zwei Millionen Zyklen. „Wir setzen bei ReBeL auf Komponenten aus Hochleistungskunstoffen, die besonders widerstandsfähig gegenüber abrasiven Umgebungen wie Erde und Sand sind. Nach den zwei Millionen Zyklen lassen sich die Verschleißteile ganz einfach für wenige Euro austauschen, was die Wartung extrem wirtschaftlich macht“, erklärt Alexander Mühlens, Geschäftsbereichsleiter Low Cost Automation bei Igus. Mithilfe dieser Eigenschaften ist die Automatisierung für Landwirte erschwinglich und Projekte wie Davegi überhaupt erst möglich.

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Bild: ©Jannick Kruhl / Igus SE & Co. KG

Technologie trifft Robustheit und Nachhaltigkeit

Davegi übernimmt mit seinen Armen und Händen präzise Aufgaben direkt an der Pflanze. Er entfernt Unkraut und Schädlinge, erntet empfindliche Kulturen wie Salat oder Kohlrabi und passt sich mithilfe modularer Schnittstellen an unterschiedliche Anforderungen an. Die humanoiden Roboterhände verfügen über 22 Freiheitsgrade und mehr als 1.000 Sensorpunkte pro Fingerspitze, was eine präzise Berührungserkennung ermöglicht. Ihre Wiederholgenauigkeit von ±1mm und die geplante IP67-Zertifizierung machen sie fit für den Einsatz unter realen Feldbedingungen. Damit der Roboter lernt, wie er einen Salat greift, wann eine Zucchini reif für die Ernte ist oder wie er einen Schädling bekämpft, setzt Franko auf Teleoperation. Dabei bedienen Menschen die Roboterarme und Hände in realen Feldern und erzeugen dabei wertvolle Trainingsdaten. Diese Daten werden genutzt, um die Embodied AI des Systems weiterzuentwickeln. Eine KI, die direkt mit echten Pflanzen interagiert. Schritt für Schritt soll Davegi in den nächsten Jahren dazu fähig sein, eigenständig zu erkennen, zu greifen, zu ernten und dabei immer präziser und effizienter zu arbeiten. Angesteuert werden die Cobot-Arme und die Hände über ROS2, das die Kameradaten und die Teleoperation miteinander verbindet. „Wir glauben an Robotik in der Landwirtschaft, auch wenn es seitens der Roboter noch viel zu tun gibt“, so Mühlens. „Unser ReBeL wird bereits in unterschiedlichen landwirtschaftlichen Projekten eingesetzt, sei es für das Picken von Tomaten bis hin zum Pflücken vom Salat. Von diesen Erfahrungen profitiert auch AI.Land. Wir freuen uns, hier das Projekt gemeinsam weiterentwickeln zu können.“ Franko ergänzt: „Der Einsatz von Robotik in der Landwirtschaft ist kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit. Angesichts globaler Herausforderungen wie steigenden Arbeitskosten, Arbeitskräftemangel und dem Druck zur nachhaltigen Ressourcennutzung bieten autonome Systeme die einzige skalierbare Lösung. Sie ermöglichen es Betrieben, präziser zu arbeiten – etwa durch gezielte Unkrautbekämpfung oder exakte Bewässerung – was nicht nur die Effizienz maximiert und Kosten senkt, sondern auch die Umweltbelastung reduziert. Robotik sichert somit die Zukunftsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit unserer landwirtschaftlichen Produktion.“

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Angebracht an ein Traversensystem bewegt sich Davegi über das Feld. Das System arbeitet mithilfe von Solarenergie autonom.Bild: Igus SE & Co. KG

Die Vision dahinter: Fairness und Regionalität

Franko denkt weiter als bis zur Technik. Er sieht die Landwirtschaft als Basis einer gesunden Gesellschaft. Sein Ziel ist ein direkter Kreislauf vom Feld zum Verbraucher ohne Zwischenhändler. Damit soll die Machtkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel aufgebrochen werden, wo Großhändler einen hohen Prozentsatz der Gewinne einstreichen, während Landwirte an der Existenzgrenze arbeiten. Regionale Gemeinschaften sollen mehr eingebunden werden, indem Konsumenten direkt bei Landwirten kaufen können, unterstützt durch KI-Transparenz und Automatisierung. „Wir wollen nicht nur Prozesse automatisieren, sondern Strukturen verändern“, betont Franko. „Technologie ist der Schlüssel zu einer gerechteren Landwirtschaft.“ Dass er mit seiner Vision richtig liegt, zeigt auch das Feedback mehrerer Landwirte und die Auszeichnung auf der Agritechnica mit dem Agrifuture Concept Award 2025 vom DLG. AI.Land ist nun bereit für die nächsten Schritte. Derzeit sucht das Unternehmen nach Investoren und Produktionspartnern, um den Übergang vom Prototyp zur Marktreife zu schaffen. Trotz aller Herausforderungen ist er überzeugt: „Diese Technologie wird nicht nur die Landwirtschaft revolutionieren, sondern auch zu nachhaltigerem Handeln beitragen. Wichtig ist jedoch, dass auch die Verbraucher umdenken und eben der Konsum auf das saisonale Angebot angepasst wird.“