Was Europa von den USA lernen kann – und was nicht

Josef
„Cloud kommt auch in der europäischen Automatisierung. Die Frage ist nur, ob die Betriebe den Übergang selbst gestalten oder warten, bis NIS 2 oder ein Auditor sie dazu zwingt.“ Josef Waltl, Software Defined Automation – Bild: Software Defined Automation Inc.

Ich war letztes Jahr bei einem Betreiber mit elf Standorten, quer über die USA verteilt. In jedem Standort automatisierte Anlagen und Fördertechnik von mindestens drei Herstellern. Rockwell hier, Siemens dort, Beckhoff am Verpackungsende. Der Leiter der Automatisierungsabteilung hat mir sein Setup gezeigt. Er sieht von seinem Schreibtisch aus den Versionsstand jeder Steuerung in jedem seiner elf Standorte. Wer zuletzt etwas geändert hat. Ob die Backups aktuell sind. Ob es offene Firmware-Schwachstellen gibt. Alles über eine cloudbasierte Plattform.

Vor zwei Jahren ging das noch nicht. Da hatte jeder Standort seine eigenen Ordnerstrukturen, seine eigenen Backup-Routinen, seine eigenen Passwörter. Wenn an einem Standort eine Steuerung ausfiel, musste jemand vor Ort den richtigen Laptop finden und hoffen, dass das Backup darauf noch zum aktuellen Stand passt. Das war kein Technologieproblem. Das war ein Organisationsproblem. Die zentrale Plattform hat es gelöst, weil sie eine Ebene geschaffen hat, die über den einzelnen Standort hinausgeht. In den USA ist das kein Einzelfall mehr. Für viele Betriebe ist Cloud-basiertes OT-Management inzwischen der Standard bei neuen Projekten. Nicht bei allen, aber bei so vielen, dass man von einem Trend sprechen kann.

Warum sich Europa schwerer tut

In der DACH-Region erlebe ich etwas anderes. Und ich sage das ohne Wertung, weil ich die Gründe verstehe. Da ist zunächst das Thema Datensouveränität. Wo liegen meine Steuerungsdaten? Wer kann darauf zugreifen? Unterliegen sie dem US Cloud Act? Die DSGVO hat bei vielen Betrieben ein Bewusstsein geschärft, das weit über den klassischen Datenschutz hinausgeht. SPS-Code und Steuerungskonfigurationen werden als IP behandelt. Zu Recht, denn das sind sie auch. Die Vorstellung, dass diese IP auf Servern liegt, die ein amerikanischer Cloud-Anbieter kontrolliert, ist für viele ein echtes Hindernis.

Diese Sorge muss man ernst nehmen, statt sie wegzureden. Deshalb ein paar klare Worte dazu, wie eine durchdachte Plattform damit umgeht. Jeder Kunde arbeitet in seinem eigenen, isolierten Tenant, die Daten verschiedener Betriebe werden nicht vermischt. Weder der Plattformanbieter noch der Infrastrukturbetreiber, etwa AWS, können einfach in diese Daten hineinschauen. Und alles ist verschlüsselt, bei der Übertragung wie im Ruhezustand. Wer Datensouveränität ernst nimmt, baut das von Anfang an ein, nicht als nachträgliches Feature. So entsteht Vertrauen. Nicht durch Versprechen, sondern durch eine Architektur, die das Misstrauen technisch überflüssig macht. Und durch Pilotprojekte, in denen ein Betrieb das überprüfen kann, bevor er sich festlegt.

Dann ist da die Sache mit den Bestandsanlagen. Wer eine automatisierte Anlage hat, die seit 2009 läuft und seitdem drei Mal umgebaut wurde, fragt sich zu Recht, ob sich so etwas überhaupt anbinden lässt. Die Antwort hängt nicht an der Cloud, sondern an den Konnektoren. Ob eine Anlage eingebunden werden kann, entscheidet sich daran, ob es eine Schnittstelle zur jeweiligen Steuerung gibt, nicht daran, ob die Verwaltung lokal oder zentral läuft. In Europa geht es fast immer um Brownfield. Um gewachsene Strukturen, lückenhafte Dokumentation und Integratoren, die längst an einem anderen Projekt arbeiten.

Und dann gibt es noch etwas, das ich kulturell nennen würde. In vielen deutschen Betrieben gibt es eine tief verankerte Überzeugung: Steuerungsdaten gehören ins Werk, nicht in die Cloud. Das hat nichts mit Rückständigkeit zu tun. Das kommt aus einer Tradition, in der Automatisierung immer lokal, immer geschlossen, immer herstellergebunden war. Diese Tradition aufzubrechen braucht mehr als ein gutes Produkt. Es braucht funktionierende Pilotprojekte, an denen man sieht, dass es trägt.

NIS 2 und der Cyber Resilience Act

Was die Cloud-Debatte in Europa gerade verändert, kommt aus einer Ecke, die viele nicht auf dem Schirm haben. NIS 2 ist in Deutschland seit Dezember 2025 in nationales Recht umgesetzt. Betreiber automatisierter Anlagen müssen nachweisen, dass ihre OT-Systeme geschützt sind. Und der Cyber Resilience Act greift ab 2026 schrittweise: Erste Meldepflichten gelten ab September, alle Anforderungen ab Dezember 2027. Er nimmt auch die Hersteller von Steuerungskomponenten in die Pflicht. Was heißt das konkret? Ein Auditor wird Fragen stellen wie: Welche Firmware läuft auf euren Controllern? Gibt es bekannte Schwachstellen? Wer hatte in den letzten 90 Tagen Zugriff? Gibt es einen lückenlosen Änderungsverlauf?

Das alles lokal abzubilden, über mehrere Standorte, mehrere Hersteller, mehrere Integratoren, ist theoretisch möglich. Praktisch kenne ich kaum einen Betrieb, der das konsequent durchhält. Irgendwo reißt die Kette. Ein Backup wird vergessen. Ein Fernzugriff wird nicht protokolliert. Eine Firmware-Version wird nicht gegen die aktuelle CVE-Datenbank geprüft. Und hier wird es paradox. Die europäische Regulierung, die viele Betriebe als zusätzliche Hürde empfinden, schiebt sie letztlich in Richtung Cloud. Weil die geforderte Sichtbarkeit und Dokumentation ohne eine zentrale Plattform, die über alle Standorte hinweg funktioniert, kaum noch zu leisten ist.

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