Mit dem Flexley Stack F712 hat ABB Robotics kürzlich einen neuen Gabelstapler-AMR für Intralogistikanwendungen vorgestellt. Im Interview erläutert Alfonso Gonzalez, Global Head of Mobile Robotics bei ABB Robotics, wie Unternehmen auf Fachkräftemangel, steigende Produktivitätsanforderungen und zunehmend dynamische Materialflüsse reagieren können. Dabei geht er auf aktuelle Entwicklungen in der autonomen Mobilrobotik ein und erklärt, welche Rolle intelligente Gabelstapler-AMRs künftig in Lager- und Produktionsumgebungen spielen werden. Was macht den Einsatz von AMRs heutzutage besonders anspruchsvoll?
Alfonso Gonzales, Global Head of Mobile Robotics: Viele Unternehmen spüren Druck von drei Seiten: Immer weniger Fachkräfte müssen mehr Aufträge und eine größere Variantenvielfalt stemmen. Früher konnte man einige Engpässe mit Erfahrung, Improvisation und zusätzlichen Staplerfahrten auffangen. Diese Reserven fehlen heute in vielen Betrieben. Gleichzeitig werden Aufträge kleinteiliger, Zeitfenster enger und Materialflüsse dynamischer. Die Nachfrage nach Robotern, die mehr Aufgaben an mehr Einsatzorten übernehmen und dabei schneller, intelligenter und sicherer arbeiten, wächst daher stetig. Wir nennen dies Autonomous Versatile Robotics (AVR). Der Stapler Flexley Stack F712 ist ein Beispiel dafür.
Viele Intralogistikprozesse sind oder werden heute bereits automatisiert, darunter Depalettieren im Wareneingang, Palettieren im Warenausgang sowie beim Puffern, Sequenzieren und Kommissionieren. Lösungen wie die Visual-SLAM-Navigation und AMR Studio haben die Performance, Skalierbarkeit und Benutzerfreundlichkeit von AMRs gegenüber früheren Navigationstechniken verbessert. Dadurch können Unternehmen autonome Flotten effizient einsetzen und verwalten. Während Industrieroboter, Cobots und Roboterzellen meist an festen Stationen arbeiten, verbinden AMRs diese Stationen und ermöglichen einen durchgängigen Materialfluss über den gesamten Lager- bzw. Produktionsbereich hinweg.
Jedoch treffen in vielen Lagern Produktivitätsdruck und strikte Sicherheitsvorschriften auf gewachsene Strukturen, enge Verkehrswege, Mitarbeitende, Fördertechnik, Pufferflächen und Layouts, die sich regelmäßig ändern. Dort muss sich ein AMR zuverlässig zurechtfinden.
Für autonome Stapler gelten noch strengere Anforderungen: Sie fahren schwere Lasten, müssen Paletten, sauber aufnehmen und millimetergenau absetzen. Das muss auch dann klappen, wenn eine Palette nicht perfekt steht oder der Prozess im Alltag etwas anders läuft als auf dem Plan. Hinzu kommen Schnittstellen zu WMS, ERP oder MES, Flottensteuerung, Sicherheitsbewertung und die Akzeptanz der Mitarbeitenden.
Worin unterscheidet sich der neue Flexley Stack F712 von gängigen FTS-, AMR- oder auch manuellen Gabelstaplern?
Gonzales: Viele klassische FTS und AMRs sind auf feste Fahrwege, Marker, Reflektoren oder andere Führungselemente angewiesen. Das spiegelt nur bedingt die Dynamik moderner Lager wider, in denen Flächen anders genutzt oder Prozesse kurzfristig angepasst werden. Flexley Stack F712 orientiert sich mithilfe KI-gestützter Visual-SLAM-Technik ohne Führungselemente und navigiert millimetergenau. Er erkennt seine Umgebung in Echtzeit und passt seine Fahrweise an die Situation an. Diese Kombination aus präziser Navigation, autonomer Entscheidungsfähigkeit und der Einbindung in die Software AMR Studio für Aufträge, Verkehrsregeln und Flottenbetrieb macht aus dem Stapler einen Beschleuniger des Materialflusses.
Wie funktioniert diese Echtzeit-Navigation genau?
Gonzales: Visual SLAM steht für Visual Simultaneous Localization and Mapping. Dabei kombiniert der AMR 3D-Bildverarbeitung und KI-basierte Auswertung, um seine Umgebung zu erkennen, zu kartieren und sich darin zu lokalisieren: ganz ohne Führungselemente. Das System unterscheidet feste Orientierungspunkte von beweglichen Objekten wie Mitarbeitenden, Fahrzeugen oder abgestellten Ladungsträgern. Das ist wichtig, weil Lager im Alltag selten so aussehen wie auf dem Layoutplan. Wege werden blockiert, Paletten stehen kurzfristig anders und manuelle Fahrzeuge bewegen sich durch dieselben Bereiche.


















